Der Petrarca-Preis in Höhe von 20.000 DM wurde 1975 von Hubert Burda gestiftet. Jurymitglieder waren u.a. Nicolas Born, Bazon Brock, Peter Handke, Michael Krüger und Urs Widmer. Die Preisträger waren u.a. Rolf Dieter Brinkmann, Sarah Kirsch, Ernst Meister, Herbert Achternbusch, Alfred Kolleritsch und Zbigniew Herbert. Der Petrarca-Preis wurde danach in unregelmäßigen Abständen verliehen. Die bisher letzten Preisträger waren 2014 Franz Mon und Tomas Venclova.
Als wir uns 1974, in seinem sechshundertsten Todesjahr, Petrarca als Patron eines neuen Lyrikpreises anvertrauten, hatten wir uns vorgenommen, unsere Arbeit für den Preis auf fünf Jahre zu beschränken. Deshalb beschlossen wir, bei den Preiszusammenkünften die fünf wichtigsten Stationen von Petrarcas Lebenslauf aufzusuchen, um den genius loci und die Geopsyche der bestimmten Ereignisorte in jeweils einem der Themen zu versammeln, die Petrarca sein Leben lang beschäftigten.
- Als Stationen jenes Lebens auf Erden wählten wir für 1975 den Mont Ventoux, dem wir Petrarcas Topoi Berg und Theorie, Natur und Landschaft der Wanderer als Subjekt der Landschaft zuordneten;
- 1976 wollten wir nach Arquà/Padua gehen, um uns an Petrarcas Alterssitz seinem Verständnis vom Humanismus als dialogischer Kommunikation und vom Leben als Exemplum auszusetzen;
- Für 1977 galt es, im Tusculum die Zukunft als Verwirklichung der Vergangenheit zu verstehen, also Petrarcas und seiner Freunde Versuch kennenzulernen, Zukunft zu erzwingen;
- 1978 sollte in Arezzo/Siena am Beispiel von Lorenzettis ‚Divisio‘ die das 14. Jahrhundert beherrschende Frage nach dem Lebenszusammenhang, nach der Einheit von Kunst, Wissenschaft, Politik gestellt werden;
- 1979 schließlich wollten wir in Verona, dem Ort, an dem Petrarca wesentliche antike Texte entdeckte, dem Kulturinstrument „Buch“ nachspüren, das durch Petrarcas Arbeit seine bis in den heutigen Alltag andauernde Vorrangstellung unter allen anderen Kulturinstrumenten erhielt.
Wir wollten es – und wir taten es. Und daß wir es niemals wieder so werden tun können, gibt dem ausgeführten Plan seine Bedeutung: Es war einmal, wie es nie wieder sein wird – deshalb war es nicht vergeblich.
Petrarca als Zeitgenosse
Theoria als anschauende Betrachtung im Selbstversuch
Am 26. April 1336 besteigt Petrarca in Begleitung seines Bruders Gherardo den Mont Ventoux – eine für seine Zeitgenossen ganz aberwitzige Tat. Warum sollte man sich einer menschenfeindlichen Natur, dem sturmgepeitschten Dornenurwald jenes Gipfels aussetzen, wo sie durch menschlichen Eingriff weder zu Ackerland noch zur Weide fürs Vieh umgestaltet werden konnte?
Ein Hirte, den Petrarca beim Aufstieg trifft, versichert ihm, daß es auf dem Berge nichts zu holen gebe – außer zerrissener Kleidung und geschundenen Gliedern. Petrarca bleibt unbeeindruckt, erreicht schließlich den Gipfel. Was treibt ihn an, die Mühen nicht nur nicht zu scheuen, sondern geradezu zu suchen?
In dem Bericht, den er unmittelbar nach dem Abstieg in einer Herberge verfaßt, enthüllt er seine Motive. Er hatte aus Livius herausgelesen, daß in der Antike derartige Bergbesteigungen zum Reiseprogramm der Kaiser und Könige gehörten; Philipp von Mazedonien bestieg zum Beispiel den Haimon, um vom Gipfel einen Blick auf die sein Reich begrenzenden Meere zu haben. Zunächst ist für Petrarca die Nachahmung des antiken Vorbildes treibendes Motiv, das er auch durchhält: Auf dem Gipfel ist er überwältigt von der Erweiterung des Gesichtsfeldes in der Vogelperspektive, die es ihm ermöglicht, das bisher durch großräumliche Distanz Getrennte zusammenzuschauen. Während des Aufstiegs aber entwickelt sich bei ihm viel stärker ein zweites Motiv: Je größer die Anstrengungen werden, desto intensiver wird seine Selbstwahrnehmung; Körpergefühl und Selbstbewußtsein bilden sich über jedes bisher ihm bekannte Maß hinaus.
Da er aber an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit stößt, wird er sich zunehmend auch des Risikos bewußt, in das er sich begeben hat. Lustvolle Selbsterfahrung droht, in Angst umzuschlagen. Er wird mit der Angst fertig, indem er nach einer Begründung für sein Unternehmen sucht, die über die Nachahmung des antiken Beispiels hinausgeht.
In einer Verschnaufpause fällt ihm diese Begründung mit großer Plötzlichkeit zu. Es wird ihm schlagartig die Analogie zwischen seinem augenblicklichen Tun und dem menschlichen Lebenslauf klar. So versteht er nun den Mont Ventoux als jenen Heilsberg, den zu erklimmen zum Beispiel Dante als Weg der Läuterung beschrieben hatte. Das Leben sei anstrengende und gefährliche Wanderschaft bis zu jenem Höhepunkt, an dem sich Seele und Selbstbewußtsein von ihrem leiblichen Träger trennen.
Der Gipfel des Läuterungsberges ist das Ziel aller Lebensbewegung und Ende des Lebensweges. Dort wird sich das Auge des Wanderers auf ihn selbst richten, um schließlich sein eigenes Inneres als die Welt zu entdecken, der er sich zu stellen hat.
So verwandelt sich für Petrarca sein praktisches Tun in ein theoretisches, in anschauende Betrachtung des Weltzusammenhangs, den der Schöpfer dieser Welt gestiftet hat.
Theoria – anschauende Betrachtung – ist das Mittel, sich selbst als Bestandteil jenes Weltzusammenhangs zu erfahren. Wo das gelingt, wird – wie sich Petrarca von Augustin sagen ließ – aus der anschauenden Betrachtung eine genießende: Die Selbstverwirklichung des Menschen wird bestätigt durch seine Fähigkeit, die Welt als das zu nehmen, was sie ist.
Aus dieser über weite Strecken noch ganz mittelalterlichen Vorstellung entwickelt Petrarca mit zunehmender Deutlichkeit bis dahin unbekannte Auffassungen und vor allem Haltungen, die ihn nicht nur sein Leben lang beschäftigen und die seine eigentlichen Beiträge zur Entwicklung dessen sind, was seit hundert Jahren mit dem Begriff „Renaissance“ vergegenwärtigt wird; vielmehr markieren Petrarcas neue Auffassungen und Haltungen Probleme, mit denen wir gegenwärtig wieder verstärkt konfrontiert werden: Es ist die Frage nach der Vereinbarkeit von Subjekt-Anspruch und den Wirkungszusammenhängen des Weltganzen, das gegenwärtig unter dem Namen „Die Gesellschaft“ firmiert.
Ein Preis für Lyrik trägt den Namen Petrarcas mit gutem Grund, wenn der Lyriker nicht durch die spezifische Art seines literarischen Schaffens (Gedichte schreiben) gekennzeichnet wird, sondern durch Auffassungen und Haltungen, die zu der Art von Literatur führen, wie sie Lyriker produzieren. Petrarca selbst war in diesem Sinne Lyriker, auch, wo er als Historiker, Philologe, Moraltheologe oder praktischer Philosoph schrieb. Nur ein geringer Teil seines Werkes besteht aus Lyrik im engeren Sinne. Den Kern jener Haltung des Lyrikers bilden nach Auffassung Petrarcas die Fähigkeit und der Anspruch eines Menschen, „Ich“ zu sagen. Dieser Anspruch wird aber nicht nur in der Hinwendung auf sich selbst eingelöst, sondern in der Fähigkeit, die Lebenswelt durch eigenständige Wahrnehmungsformen und nach Maßgabe selbst gemachter Erfahrungen zu gestalten. Das Ich wird zum Subjekt.
Petrarca demonstriert einen solchen Vorgang mit seinem Aufstieg auf den Mont Ventoux. Er geht von der Welt der Natur aus, wie sie anderen erscheint. Er versteht die Einwände des Hirten, er versteht, was Natur dem Hirten, dem Ackerbauern, dem Handeltreibenden, dem Krieger ist. Ihre Auffassungen werden ihnen von der Natur durch die Art der Arbeit nahegelegt, ja aufgezwungen, die sie in ihren Berufen zu verrichten haben.
Petrarca als Lyriker versucht, Natur zu dem zu machen, was sie sein könnte, wenn sie nicht nur Gegenstand menschlicher Arbeit wäre: zur Landschaft als „freier Natur“. Wenn nicht objektive Bedingungen des Überlebens in der Natur, sondern die des subjektiven Erlebens der Natur unsere Haltungen ihr gegenüber beherrschen, formen wir sie zur Landschaft um. Der von Petrarca zum ersten Mal in der Neuzeit erhobene Subjekt-Anspruch erfüllt sich in dieser Hinsicht, wenn der Lyriker Natur zur Projektionsfläche seiner Wahrnehmungen und Vorstellungen macht, „zum Spiegel der Seele“.
Bis auf den heutigen Tag sind wir genötigt, in diesem Sinne Landschaft zu erfahren; und es ist kein Zufall, daß Petrarca am Mont Ventoux, einem Stück zivilisatorisch unbrauchbarer Natur, seinen Land schaftsbegriff ausbildet; Natur als Projektionsfläche psychischer Prozesse des Einzelnen kann nur als Landschaft verstanden werden, wenn sie devastiert ist oder von zivilisatorischer Nutzung freigestellt zu sein scheint. den eigenen Subjektanspruch teilweise aufgibt, um in dem eines anderen Subjekts aufzugehen und sich so durch die Landschaft auch zu einem jeweils Anderen machen läßt. Landschaften – und die sie bestimmenden Werke – erzählen die Geschichte der menschlichen Fähigkeit, Vorstellungen und Wahrnehmung zu entwickeln – ihr Echo geht durch die Jahrhunderte.
Bemerkenswert ist ja, daß unser Begriff „Kultur“ sich aus der römischen „Agricultura“ als der zivilisatorischen Nutzung der Natur durch Umgestaltung herleitet. Es muß so folgerichtig erscheinen, daß die Haltung der Künstler immer wieder als kulturfeindlich verdächtigt wird. Wer seit Petrarca darauf besteht, seine subjektiven Formen der Wahrnehmung und Vorstellung von Natur zur Landschaft umgestalten zu lassen, ist zumindest einem erweiterteren Kulturverständnis verpflichtet, als es in Agricultura zum Ausdruck kommt.
Es ist ein theoretisches Verständnis: Die anschauende Betrachtung schließt nicht andere, weitere Horizonte, als sie in der kulturell genutzten Ebene möglich sind, zu einem Ganzen zusammen; das Ganze bildet sich nicht innerhalb neugesteckter Horizonte, sondern entsteht durch Entgrenzung, durch Öffnung der Horizonte.
Genius loci
„Es ist etwas in der Örtlichkeit, es ist sogar sehr viel in ihr“, schreibt Petrarca. Die Alten nannten das den genius loci, wir nennen es ‚Geopsyche‘, also ist Landschaft dann doch wohl nicht nur subjektive Umgestaltung der Natur durch die eigenen Wahrnehmungen und Vorstellungen?
Petrarca meint ja nicht nur, daß wir von Klima und Höhenlage abhängig sind, vom Sauerstoffreichtum der Luft und der Intensität des Sonnenlichts. Die variieren selbstverständlich von Örtlichkeit zu Örtlichkeit; „was aber an denen ist“, ergibt sich für Petrarca darüber hinaus als das kulturelle Echo, das eine Landschaft in den Subjekten hervorruft.
Petrarca erlebt die Landschaften nicht nur als die jeweils seinen, sondern auch als die Landschaft jener, die vor ihm gelebt haben oder mit ihm leben und deren Werke Bestandteil der Landschaft geworden sind. Die Landschaften werden für Petrarca geschichtlich, indem man den eigenen Subjektanspruch teilweise aufgibt, um in dem eines anderen Subjekts aufzugehen und sich so durch die Landschaft auch zu einem jeweils Anderen machen läßt. Landschaften – und die sie bestimmenden Werke – erzählen die Geschichte der menschlichen Fähigkeit, Vorstellungen und Wahrnehmung zu entwickeln – ihr Echo geht durch die Jahrhunderte.
Wo immer jemand in der Landschaft steht, gesellen sich ihm viele, die vor ihm dort gestanden haben, und sie bleiben ihm nicht fremd, wo es ihm gelingt, mit ihren Wahrnehmungen und Vorstellungen immer neue Landschaften aus dem gleichen Stück Natur werden zu lassen. Die Geographie, der Raum ermöglichen uns Konstanz in der Orientierung, wie sie in der Zeit, in der Geschichte nicht möglich ist.
Petrarca und seine Zeitgenossen stellten sich die Frage, ob Orientierung in Raum oder Zeit für den Menschen von ausschlaggebenderer Bedeutung ist. Die Antwort war deswegen so wichtig, weil man klären mußte, ob die Institution Kirche und ihr höchster Repräsentant, der Papst, als Garanten der Geschichtlichkeit des Lebens von Jesus Christus überhaupt wirksam werden konnten, wenn sie nicht in Rom residierten, sondern irgendwo in der Welt.
Fast durchs ganze 14. Jahrhundert hindurch waren die Päpste aus machtpolitischen Überlegungen der französischen Könige nach Avignon deportiert. War ‚Rom‘ das Haupt der Welt, war der christliche Glaube noch bestimmende Macht, wenn ‚Rom‘, repräsentiert durch Kirche und Papst, nicht in Rom, an jenem bestimmten Ort, anwesend gedacht werden konnte?
Petrarcas Antwort ist eindeutig, und sie wurde von seinen italienischen Zeitgenossen zumindest auch geteilt: Die Konstanz der Orientierung im Raum ist für den Menschen gerade als historisches Wesen unverzichtbar. Der Papst muß nach Rom zurück. Petrarcas Konzept der Verwirklichung der Geschichte hat nämlich die Konsequenz, daß das zeitliche Vergehen in seiner ganzen unerhörten Radikalität begriffen werden kann. Was einmal war, hat gerade darin seine geschichtliche Bedeutung, daß es nie wiederkommen kann. Was in der Gegenwart von der Geschichte verwirklicht werden kann – und uns Zukunft garantiert –, ist gerade die historische Einmaligkeit und Unwiederholbarkeit des Gewesenen.
Aus: Petrarca gibt das Beispiel (1980). In: ÄV, S. 198 ff.