Wenn es in Griechenland hieß, der Polemos sei der Initiator, der Vater aller Dinge, dann ist das nicht der Krieg, wie dies immer übersetzt wird, sondern tatsächlich die Kritik, d.h. die Fähigkeit, in radikalster Weise einen Geltungsanspruch zu bestreiten.
Pädagogik, Polemik und Propaganda – immer eine Einheit!
Wer ist der Vater aller Dinge?
Wer ist die Mutter der Porzellankiste?
Wat is eine jute Sach?
Vater Polemos (d.h. nicht Krieg, sondern Konfrontation nach Regeln),
Mutter Pädagogik (d.h. Verantwortung für die nächsten Generationen),
Für die jute Sach Propaganda (d.h. Bekenntnis zum Verlangen nach Anerkennung von
Besseren, als man selber zu sein vermag).
Beuys war für die Pädagogik, Vostell für die Propaganda und ich für die Polemik zuständig.
Beuys, Brock und Vostell arbeiteten wie Reformhexer, die der selbstgewissen 68er-Generation prophezeiten, dass sie bald die Herrschaft erringen würde. Vostell erneuerte die propaganda fi dei der Gegenreformation, Beuys erzog die Seelen zu Widersacherinnen des Ungeistes und Brock polemisierte gegen sich selbst als typischen Generationsvertreter – eine Dreifaltigkeit von Vergangenheit und Zukunft als Gegenwart nach dem Ende der Dialektik.
Die 68er waren die erfolgreichste Generation aller historischen Zeiten. Was wollten diese Klamaukbrüder? Ihresgleichen wünschten den möglichst radikalen Niedergang der US-amerikanischen Vormachtstellung, den Sieg der Russen im Ost-West-Konflikt und den Sieg der Maoisten im Kulturkampf gegen verstockte Konservative, die Befreiung der Dritten Welt sowie den Sieg der Afrikaner über den weißen Rassismus. Das war Wunschgebet und Stoßziel aller 68er – und was ist dabei herausgekommen? Vierzig Jahre später ist der amerikanische Führungsanspruch in der Welt völlig desavouiert; Rußland und China gelten ohne jeden Zweifel als die einflußreichsten Großmächte der Zukunft; die Dritte Welt entdeckte den Islam zwischen Malaysia / Indonesien und Algerien / Marokko als die sie gemeinsam bestimmende Kraft, der sich längst Europa und USA anempfohlen haben; und die afrikanische Urmutter der Menschheit konnte sich offiziell mit der Kennzeichnung der Schwarzen in den USA als afrikanische Amerikaner politisch korrekte Geltung verschaffen. Welch ein Triumph!
Beuys Brock Vostell
Beuys, Brock, Vostell kooperierten seit den 60er Jahren bei zahlreichen Veranstaltungen. Wir versuchten dabei auch, in der Kunstszene die Kooperationsform der „Band“ populär zu machen. Es galt, durch gemeinsame Anstrengung der „Gedanken in Aktion“ die eigene Wirkung zu steigern. Der wesentliche Effekt war aber, ohne der deutschen Vereinsmeierei zu verfallen, einen Freundschaftsbund zu etablieren. Diesem Motiv der sozialen Bindung ohne Verwandtschaft oder Clan-Beziehung hatte schon der französische König Ludwig der Fromme eine entscheidende Richtung gegeben: „Je vous crois prêt à moi.“
Die Maxime des Kooperationsbundes besagt, dass die Beteiligten glauben, sich in vollem Umfang wechselseitig vertreten zu können. In den englischen Colleges wird das heute noch dadurch geübt, dass die Studenten angehalten werden, die Meinungen und Urteile anderer wiederzugeben, anstatt sich bloß mit ihrer eigenen Meinung in Szene zu setzen. Der Dreiklang „Beuys Brock Vostell“ meinte, dass bei jeder Arbeit an einem Thema vor Publikum ein pädagogischer, ein propagandistischer und ein polemischer Aspekt sichtbar werden sollte. Beuys übernahm zumeist die Rolle des Pädagogen, Vostell als ausgebildeter Werbegrafiker hatte die Wirkung von Aussagen (herkömmlich Propaganda genannt) in den Vordergrund zu stellen und ich war für die Polemik zuständig – in der alten Tradition der Rhetorik. Wir wählten diese in Deutschland beargwöhnten Kennzeichnungen ganz bewusst, um gegen die Vereinnahmung der Begriffe durch Wirtschaft, Werbung und Bildungspolitik anzugehen. Die Ablehnungshierarchie der deutschen Öffentlichkeit galt erstrangig jeder Art von Polemik, dann der Propaganda als Ideologiewerkzeug und schließlich der Pädagogik als Besserwisserei von Stubenhockern. Wir bezogen uns auf die Offensiven Lessings, Schillers und Büchners, in denen Leidenschaftlichkeit für Polemik stand, Ausrichtung auf ein Ziel für Propaganda und Fürsorglichkeit im Einsatz für andere als Pädagogik.
Festival der Neuen Kunst, Auditorium Maximum der TH Aachen, 1964
Das Aachener Ereignis vom 20. Juli 1964 ist ziemlich bekannt geworden – leider dadurch, dass es eigentlich nicht stattgefunden hat. Es ist nämlich nicht so gezeigt worden, wie es intendiert war. Was tatsächlich beabsichtigt war, wurde erst am 11. Dezember 1964 in der Livesendung zur Sendereihe „Die Drehscheibe“ im Studio des ZDF in Düsseldorf vorgeführt. Mediengeschichtlich ist es eine Einmaligkeit, dass ein Kunstereignis live aus dem Nachrichtenstudio eines Fernsehsenders übertragen wurde, wenn auch nur auf Landesebene.
Was war passiert? In Aachen kam es nicht dazu, den Grundtenor der Veranstaltung zu zeigen: Protest gegen die wohlfeile Selbstfeier des ehrenrettenden Widerstands gegen Hitler.
Vostell bezog sich auf die ukrainischen Widerstandsbewegungen gegen die deutsche Besatzung. Die Soldateska liquidierte nach Belieben in blondgelben Weizenfeldern ukrainische Bauern, Frauen und Kinder. Vostell verteilte auf der Bühne weizenblütenfarbenes Pulver. Er ließ das Publikum per Trillerpfeife den Befehl zur Liquidierung geben. Sobald die Pfiffe laut wurden, fielen Vostells Mitwirkende rückwärts in das Blütenstaubfeld. Das wiederholte sich, obwohl Vostell überdeutlich zu verstehen gegeben hatte: „Sobald ihr pfeift, werden wir erschossen.“ Der Hinweis auf die ukrainischen Weizenfelder war unübersehbar, da Vostell im Raum Weizengarben verteilt hatte. Vostell bewies, dass die Faszination durch ein Event, gar als Mitspiel, die Inhalte in dem Maße vergessen ließ, wie sich das Spektakel
verstärkte.
Ich für meinen Teil wollte mit der Kopfstand-Rede „Wollt ihr das totale Leben?“ – damals eine künstlerwitzige Variante zu Goebbels’ „Wollt ihr den totalen Krieg?“ – darauf hinweisen, dass die angebliche Zustimmung des Publikums zu Goebbels’ Frage eine Fälschung ist. Denn am 18. Februar 1943 zierte den Sportpalast ein riesiges Spruchband, dessen Aussage zwei Teile hatte. Zum einen „Wollt ihr den totalen Krieg?“, zum anderen aber „Denn totaler Krieg ist kürzester Krieg“. In Kurzform wurde der Spruch über der Rednertribüne wiedergegeben als Behauptung „Totaler Krieg – kürzester Krieg“. Die Zustimmung des Publikums galt also primär der Aussicht auf den kürzesten Krieg durch das Mittel des totalen Kriegs. In den zahllosen Selbstbeweihräucherungen des angeblich gegen jede Politlosung gefeiten BRD-Wohlstandspublikums wird aber so getan, als hätte das Sportpalast-Publikum von 1943 bedingungslos dem totalen Krieg zugestimmt. Ein Paradebeispiel für das Pathos der Aufklärung bei denjenigen, die meinen, der erhabene Zweck rechtfertige jede Fälschung. Mit dieser Haltung unterscheiden sie sich in nichts von ihren angeblichen Gegnern, den Totalitaristen.
Aus Beuys’ Aktionen ist vor allem eine Szene fotografisch übermittelt und damit im Gedächtnis geblieben: Ein Vertreter des akademischen Pöbels hatte gerade auf Beuys mit Fäusten eingewirkt; der streckt mit blutender Nase im Heilsgestus dem Gewalttäter ein Modell der Herrschaftsinsigne Reichsapfel mit Kreuz entgegen, als wolle er den Gottseibeiuns bannen. Aufgebracht hatte die Studenten eine typische Machination von Beuys. Er pflegte auf Prozesse des großen Stoffwechsels inklusive der Transsubstantiation mit Mitteln der Chemiebaukästen und des gymnasialen Chemieunterrichts hinzuweisen. Gewinn der Demonstration sollte jeweils die Sensibilisierung der Zuschauer für die Erfahrung sein, dass die Kraft zur Initiierung von Prozessen eben nicht auch deren Steuerung bedeutet und erst recht nicht die Erzwingung eines absehbaren Resultats.
Livesendung für „Die Drehscheibe“ im ZDF, Düsseldorf 1964
Beim Scheitern der 20. Juli-Feier war ein Redakteur des ZDF anwesend und hatte nach Abbruch der Veranstaltung in der TH Aachen spontan erklärt, er wolle dafür sorgen, dass wir die Aktion wie geplant durchführen könnten. Leider wurden dann aber nur Beuys, Brock und Vostell ins ZDF-Landesstudio in Düsseldorf eingeladen, um am 11. Dezember 1964 das Thema „Widerstand 20. Juli“ ungestört zu bearbeiten. Wir wählten als zentrales Motiv das ostentative Beschweigen des Vorlebens der deutschen Widerständler in der Nachkriegszeit: das Schweigen der Väter, das Schweigen der Künstler, das Schweigen der Bäume (der Galgenbäume).
Vostell widmete sich in seiner materialreichen Aktion im TV-Studio dem „Schweigen der Fische“ mit Hinweis auf die Redensart „stumm wie ein Fisch“. Er ließ seine Akteure mit einem heringsgroßen Fisch im Mund und einem über den Kopf gestülpten Karton als Sichtblende mit dem Fahrrad um ein breites Bett als Brutstätte des Bösen kreisen.
Beuys zielte mit seiner Fettecke im Bretterverschlag und dem braunkreuzbeschrifteten Protestplakat „Das Schweigen von Marcel Duchamp wird überbewertet“ auf die damalige Entlastung der politisch schweigenden Künstler durch den Stammvater der Avantgarde Marcel Duchamp (zum Braunkreuz von Beuys siehe Duchamps Schokoladenmühle im Großen Glas). Assoziiert wurde damit auch das damalige Beschweigen von Psycho- und Sexualpathologien, denen sich Ingmar Bergman in seinem Film „Das Schweigen“ anzu- nähern versuchte. Beuys hat kurz nach unserer Aktion die Filmschachteln des Bergmannfilms samt Inhalt zu einem eigenständigen Werk verarbeitet. Er zielte auf die verbreitete Haltung, sich Schuldbekenntnissen vornehm durch Schweigen zu entziehen und die Hände zum Beispiel in der Unschuld des Schachspielers, des Tierschützers oder des Kunstpflegers reinzuhalten. In diesem Sinne erschien uns der Nur-noch-Schachspieler Duchamp ein ziemlich frivoler Zeitgenosse geworden zu sein.
Vostell hatte sich seit seinem Abgang von der Werkkunstschule Wuppertal stets gegen den Vorhalt zu wehren, er erschöpfe sich in berserkerhaften Künstlergesten. Man hielt auch ihm die schöne stille Zurückhaltung der Avantgardekünstler wie Duchamp entgegen; an denen möge er sich ein Beispiel nehmen. Vostell antwortete mit dem wütenden Ausruf:
„Das Schweigen von Duchamp wird überbewertet!“
Beuys griff das auf, weil auch er stets zu hören bekam, der künstlerische Tiefsinn und die Orientierung auf Mythologien als Material künstlerischen Arbeitens seien durch Duchamps Rückzug ins überlegene Schweigen ein für allemal erledigt.
Für mich galt schon als Redakteur einer Schülerzeitung, dass die lateinische Weisheit „Wenn du geschwiegen hättest, wärest du ein Philosoph geblieben“ eine durch Überlegenheitsgetue nicht zu adelnde Plattitüde ist. Mit dieser Plattheit korrespondierte, was Künstler und Wissenschaftler verlautbarten, wenn sie sich zu besagter lateinischer Maxime gerade durch Reden bekennen wollten. Dann träufelten sie ins Ohr des schlafenden Volkes das Gift der „Rassereinheit“, des „Ariertums“, der „Weltanschauung“, der „Rettung der Welt durch Untergang“. All dieser Blödsinn stammt ja von den höchstrangigen Weltberühmtheiten des „Deutschen Geistes“, die denen des jüdischen auf keinen Fall nachstehen wollten. Schließlich hatte der jüdische Intellektuelle, Literat und englische Premierminister Benjamin Disraeli die Rassenideologie zur Weltgeltung erhoben. Es ist ein erstaunlich durchgängiges Merkmal der deutsch-jüdischen Beziehungen, dass die Deutschen sich auch für erwählt halten wollten und die Juden ihrerseits in dem als Nationalstaat vor 1871 nicht existierenden Deutschland ihre Vorstellung von Diaspora manifestiert sahen. Dergleichen Voraussetzungen für die Erörterungen des deutschen Widerstands am 20. Juli 1944 musste ich dem Publikum in meinem Beitrag „Das Schweigen der Väter“ in Erinnerung rufen, zumal jenes Schweigen damals immer noch in Relation zum Schweigen der Opfer des Naziregimes gesetzt wurde. Man tat so, als ob auch für die Opfer gelte, „Wer schweigt, stimmt zu“.
Während unserer 20. Juli-Aktion und ihrer Drehscheiben-Variante aus dem Dezember 1964 wurde zum ersten Mal, nämlich im Frankfurter Auschwitzprozess, gleichzeitig das Schweigen der Väter vom Schweigen der Opfer unterschieden.
Aber wir hatten es nicht nur mit dem Schweigen der Väter, sondern auch mit dem der wohlmeinenden Aufklärer zu tun. Sie verschwiegen zum Beispiel, wie schon erwähnt, dass „das deutsche Volk“ am 18. Februar 1943 im Berliner Sportpalast nicht nur dem ersten Teil der Frage Goebbels’ zugestimmt hatte, ob es den totalen Krieg wolle, sondern auch dem zweiten Teil, demzufolge totaler Krieg der kürzeste Krieg sei.
Siehe: Bekenntnisse zur Ausstellung „Beuys, Brock, Vostell“.
In: Beuys Brock Vostell. Aktion. Partizipation. Performance.
Hrsg. von Peter Weibel. Ostfildern 2016, S. 370 ff.