Buch Lustmarsch durchs Theoriegelände
– Musealisiert Euch!
+ 4 Bilder
Gestaltung: botschaft prof. gertrud nolte
Das Buch ist mit einem Plakat-Umschlag in den Maßen 58 cm x 79 cm eingeschlagen.
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Abschnitt, beginnend auf Seite 210 im Original
Was unser fabelhaftes Gehirn kann, spiegelt die Probleme, mit deren Bearbeitung es im Laufe der Evolution beschäftigt war. Bevor wir neue Konzepte der Humanisierung entwerfen, sollten wir besser kennenlernen, wie wir von der Evolution ausgestattet wurden. Von Natur aus sind wir kulturpflichtig.
Erst wer die Natur der Kulturen kennt, hat Chancen, ohne brutale Erzwingungsstrategie wünschenswerten Zielen der Menschheit mit Vernunft entsprechen zu können; also Hominisierung vor Humanisierung. Für diese unumgängliche Selbstaufklärung steht die Metapher „Leben als Baustelle“; gefordert werden experimentelle Selbsterfindung, Erprobung von Biographieentwürfen und schließlich Verpflichtung auf einen zukünftigen Lebenslauf. Da dergleichen, wie die meisten Experimente, erst durch Scheitern aussagenträchtig wird, sollte man nach dem Beispiel der Künstler trainieren, immer besser und gewinnbringender zu scheitern.
Für den modernen Zeitgenossen besteht seit Anfang des 20. Jahrhunderts die Verpflichtung, sich jederzeit im Hinblick auf die eigene Biographie auszuweisen. Die Vergegenwärtigung der Vergangenheit ist längst zur sozialen Pflicht geworden. Nicht nur Feldherren, Staatengründer oder große Unternehmer, sondern jedermann ist biographiepflichtig. (1) Auch wer Hausmeister in einer Fabrik werden will, muß, wenn er sich um eine Anstellung bewirbt, einen Entwurf seines Lebens in Form eines handgeschriebenen Lebenslaufs einreichen. Dieser enthält gezwungenermaßen eine Festlegung auf Aspekte des eigenen Lebens, auf bestimmte Fähigkeiten, Fertigkeiten, ethische Einstellungen und Erwartungen gegenüber der Zukunft. Jeder Arbeitgeber will wissen, was aus dem bisherigen Leben für vermittelnde Vorstellungen, Pläne, Aktionspotentiale hervorgingen, um erahnen zu können, was der Arbeitnehmer in Zukunft zu leisten bereit ist. Er hofft, dadurch den Anwärter zu veranlassen, die berufliche Tätigkeit nicht nur als einen kurzzeitig zu absolvierenden Job zu betrachten, den dieser drei Tage später schon durch einen anderen Job ersetzen könnte. (2) Er zwingt den Bewerber ganz bewußt dazu, die Berufsausübung als Berufung anzusehen.
Mit der Durchsetzung des Anspruchs auf Globalisierung verschwinden Berufe als Berufung zu Gunsten temporärer Anpassung an Aufgabenstellungen, genannt „Job“. In einer Gesellschaft von Jobsuchern wird Biographie zum geradezu utopischen Projekt. Wer ausschließlich Jobs ausübt, für den bleiben Biographie, Leben und Zukunft eine Fata Morgana. Nur dann gewinnt der arbeitende Mensch eine Perspektive auf seine Zukunft, wenn er einen Beruf ausübt, mit dem er sich als Person zur Deckung bringen kann. Erst ein Beruf, in dem er sein Potential entwickeln und entfalten kann, legt ihn auf bestimmte Vorgehensweisen fest. In der globalisierten Welt werden Persönlichkeiten nicht gebraucht. Bestenfalls verfügt man über den Mitarbeiter mehr oder minder willkürlich, wie über ein etwas beweglicheres Stück Material oder Maschinen. Bei bestimmten Arbeiten ist es zum Ausführen einer mechanischen Handlung einfach billiger, einen Jobber zu finanzieren als einen anschaffungsaufwendigen Automaten. Den Menschen, die froh sind, daß sie bloß jobben und keinen Beruf mehr ausüben müssen, entgeht, daß sie damit ihre Identität verlieren. Zukunft hat ihre Gültigkeit im Jetzt, wo sie als solche bezeichnet wird, nur als prospektive Entwicklung einer Biographie: Wie sehen wir uns in fünf oder zehn Jahren? Welche Zukunft geben wir der Entfaltung von Familie, Kindern, Freunden und welche den politischen Gemeinschaften, zu denen wir gehören? Ein Jobber hat überhaupt keine Chance, aus seiner Tätigkeit heraus auf solche Fragen zu antworten.
Anmerkungen
(1) Brock, Bazon: „Wie man wird, der man nicht ist. Mihilismus für Ich-Schwache.“ In: ders., Barbar als Kulturheld, S. 4 ff.
(2) Hier deutet sich bereits ein apokalyptisches Verhältnis zum eigenen Dasein an. Statt lebenslanger Entwicklung scheint die Naherwartung der Entlassung aus dem Job das Zeitgefühl zu prägen. Dem Apokalyptiker entspricht heutzutage eine Art des Zuschauers, der am liebsten dem Weltuntergang am Fernseher beiwohnen möchte. Den Besucher im Theater der letzten Tage der Menschheit gibt es in Andeutungen, seitdem „die jüdische Apokalyptik zu ihrem Abschluß gekommen ist: Wenn auch die Griechen das Theater und das Stadion geschaffen haben, denen die Römer das blutige Kampfspiel in der Arena hinzufügten, hat sich doch erst dank der apokalyptischen Reserve gegenüber dem Endspiel der wüsten Welt eine Art des Zuschauers entfaltet, die weit über das Dabeisein bei künstlerisch-kultischen oder sportlich grausamen Schauspielen hinausweist.“
In: Sloterdijk, Zorn und Zeit, S. 147. Zum Zusammenhang von Initiative des Handelns und der Stiftung der Bedeutung im Beginn siehe Brock, Bazon: „Apokalypse und Glück: Folge mir nach, Iso Maeder.“ In: Iso Maeder. Zum Glück auf Erden About Happiness on Earth 1999–2007. Hg. in Zusammenarbeit mit Hans-Peter Wipplinger und Peter Zimmermann. Mit einem Nachwort von Hans-Peter Wipplinger. Köln 2007, S. 267 ff.
Buch · Erschienen: 01.01.2002 · Autor: Brock, Bazon · Herausgeber: Zika, Anna
Buch · Erschienen: 30.10.2016 · Autor: Brock, Bazon · Herausgeber: Sawall, Marina
Ausstellungskatalog · Erschienen: 01.01.2008 · Herausgeber: Hans-Peter Wipplinger und Peter Zimmermann