DAS NEUE FORUM, Heft 15/8 Jg. 1958/59

Programmheftbeitrag aus der Dramaturgenzeit in Darmstadt

Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Wir brauchen nicht zu ertrinken, wir ruppen den Nixen die Schwänze aus

zu Christopher Fry: „Die Dame ist nicht fürs Feuer“

„Wie ein alter Indianerhäuptling sitze ich viele Stunden schweigend. Endlich bin ich bereit zu sprechen und sage: 'Wie' oder vielleicht ein etwas längeres Wort. Meine zwei Finger ziehen sich von der Schreibmaschine zurück, und die Nacht vergeht stumm bis zum Morgengrauen.“
Ch. Fry

4.1 Vorrede vom Dach des Theaters

Vermeintliches Publikum,

„Und was geht rund in eurem Kopf herum, von seltsam kleinen Morden und von Unzucht, schwätzt auf und ab sich im Dreivierteltakt, voll Angst herauszukommen? Was kanns für Lust sein, durch einen Stellvertreter sündigen und Buße tun durch jemand andern?“

Essen Sie diesen Satz ganz auf, ich hoffe, er wird Ihren Stoffwechsel nicht beeinträchtigen und Sie gesund erhalten, Ihre Sünden und Bußen hier selber zu beten. Denn es erwartet Sie eine Nacht der erstickendsten Belustigungen, der Willkür, Laune, Verkehrtheit, der Angst und des Mondes.
Hier explodiert heute eine Jahreszeit und spritzt Ihnen ins Gesicht. Sie werden in Ihren offenen Mund sehen, aus dem Christopher Fry beißende Worte entwendet, und Sie werden sich Choral und Gas singen hören, denn auch die Ausdünstungen des jüngsten Tages werden Sie atmen müssen. An Ihrem eigenen Geburtsbett und Sarg werden Sie mit Tanten und Torheiten vorbeimarschieren und guter Rat wird ungeheuer sein. Dies ist ein Spiel der Auslösungen und Auflösungen in den verfänglichen Moden der Natur. Doch wir kommen am End an ein Ende und die seit alters bewährte Ausdauer der Proserpina wird auch Ihren Weizen wieder blühen lassen. Zwar sollen Sie in Wechselbädern geschüttelt werden, auch dem Poeten stand der Schweiß auf der Stirn - wie das obige Motto zeigt - aber niemand wird versuchen, in hypothetischen Gleichungen Ihre menschliche Natur zu erschließen und Ihnen ewige Wahrheiten ins Dekolleté zu stecken. Der Dichter wird nicht krampfhaft bemüht sein, Verstand in dieses große Naturgedicht zu bringen und Erklärungen abzugeben, denn er hat das Dichten nicht nur auf dem Papier versucht. Er arbeitet mit Ihnen selbst, den kleinen Pfützen Ihrer Blicke im Sand, Ihren langläufigen Gedanken, Ihren kurzen und weitausholenden Schritten; er kennt die Gebirgsgürtel, die über Ihren Körpern verlaufen, und er schwärzt Ihre Nacht an, da Sie tot sind, wenn Sie schlafen und die Zeit und das Gras selbst im Frühling nicht wachsen hören. Damit einen angenehmen Abend.

4.2 Das Spiel als Handlungsmodell

[Thomas] Man kann mit verhältnismäßig geringem Aufwand von Kräften eine Welt vollständig zusammenstellen, sie dann auch ordnen und Straßen graben, auf denen das Leben seinen Gang geht. Man kann sich ein Nest dicht über dem Boden einrichten, wohnlich und sauber, und es bedarf nichts weiter als zweier gesunder Beine und der zuverlässigen Schwerkraft der Erde, um allen Anforderungen gcrecht zu werden. Aber eines Tages wird alles Götter- und Menschenmögliche getan sein und die Erde wird sich nicht mehr in den Blutbahnen des Menschen drehen, die Flügel allen Vögeln abgefallen sein. Niemand wird an die Möglichkeit des Wassers in der Wüste glauben, denn der Gedanke, die Phantasie und das Wort sind tot, schwimmen im Speichel des Menschenmundes, der sich niemals öffnete im Schrei, im Stöhnen, in der Beschwörung, denn man hatte sich damit begnügt, durch die Nase ein meckriges I-ah zu blasen.

Der Mensch hat der Natur das Handwerk gelegt, er hat ihr nicht Zeit gelassen, das große Chaos auszutragen, in dem alles Lebendige sich selbst in einem fortwährenden Prozeß beständig verwandeln könnte ohne Rücksicht auf die strenge Symmetrie von Nein und Ja, Jugend und Alter, Frühling und Herbst, Angst und fraglosem Glück, Lieben und Leiden, Handeln und Erdulden. Deshalb ergreift heute jedermann eine furchtbare Angst, „wie einen Riesen, den man als Kind in einen niedrigen Raum eingemauert, und der jetzt emporwächst und sich ausdehnen und aufrichten will, ohne es imstande zu sein, und sich nur das Gehirn eindrückt oder zu verrenkten Mißgestalten ineinanderdrängen kann.“ (BONA VENTURA) „Menschen dieses Schlages – wie der Riese – wenn sie emporkämen, würden feindselig sich äußern und als eine Pest, ein Erdbeben oder Gewitter unters Volk fahren und ein gutes Stück dieses Planeten aufreiben und zu Pulver verbrennen. Doch sind diese Enaksöhne gewöhnlich gut postiert und es sind Berge über sie geworfen. Hier verkohlt ihr Brennstoff allmählich.“
Ein solcher Enaksohn ist Thomas, der entlassene Soldat, in Christopher Fry's Verskomödie „Die Dame ist nicht fürs Feuer“. Fry hat nicht nur poetische Leuchtkugeln abgeschossen, um das Terrain – den Zustand der Welt – zu rekognoszieren, er hat diesen Riesen - den Menschen - auch aus seinem Grab befreit, indem er seine poetischen Raketen zu einem wirksamen Sprengstoff bündelte. Auch Thomas äußert sich während dieses Befreiungsaktes feindselig, auch er fährt unters Volk:

„seht diese Dächer und Türme!
dort schläft Heuchelei, Großmannssucht, Begierde,
Lust, Gemeinheit, Grausamkeit, Betrug und Täuschung.
Und jede mögliche Beschränktheit …“

oder:

„euer Leben treibt
der Traum einer Angst vor Alpdruck; Eure Liebe ist
die Furcht vor euch selbst; Eure Weltgeschichte ist Furcht
vor dem möglichen Sprung eines möglichen Gegners aus einem möglichen Dunkel
oder Furcht vor einem nicht unwahrscheinlichen
Totenschädel in Eurer totsicheren Schublade.
Aber ich bin hier, das wahre Phänomen
anerkannter Schuld …“

Seine Reaktion darauf besteht darin, daß er unter allen Umständen versucht, auszubrechen aus diesem ewigen Trott derer, die lebenslänglich weiter Furchen trampeln in die Stirn der Dummheit. Er will sich hängen lassen, er will „abtanzen“ (Th. MANN), drei Schritt neben den Globus treten und dem langweiligen Menschen dadurch seine Gefährlichkeit nehmen, daß er ihn ignoriert. Denn „Gottlob, gibt es einen Tod und keine Ewigkeit dahinter“. Die Welt zu verlassen, bedeutet für ihn, sich selbst zu bewahren vor der Öde, dem verrückten zeremoniellen Bum der Alltagstrommeln, vor dem seichten Geschwätz dieser Welt, in der es keine Länge gibt ohne Plattheit. Es heißt für ihn auch, daß er sich, der vollgestopft mit Leidenschaft und tanzender Begierde, die Freiheit vorbehält, sich selbst in Stücke zu zersprengen, so oft es ihm bequem ist. Er will sich nicht bequemen, auf die Welt und die Einrichtung des Menschen in ihr einzugehen, sondern er pfropft sich ihr auf, er benützt sie als Mittel, sich selbst in diesen Augenblick des Auseinanderberstens zu versetzen.
Als Analogie für das dichterische Verfahren Fry's ergibt sich daraus, daß er die Welt nicht enthüllen, demaskieren, ihr nicht die Wahrheiten von der Haut schälen muß, um jenen anderen Zustand zu erreichen, sondern sie verhüllen und unter einem dichten Schleier neuer Rätsel und Geheimnisse zudecken muß. (Dieser Schleier ist für Fry die Sprache, die Poesie.)
Die so dokumentierte Freiheit Thomas' ist aber auch gleichzeitig die Freiheit eines äußersten Protestes, von dem Thomas hofft, daß er dadurch wirkungsvoll sein wird, daß er sich in die Schlinge derer hängt, gegen die er protestiert. Indem er ihnen gerade diesen Vorgang bewußt machen will. Denn Margaret, Tyson, Gebrüder Devize und Tappercoom, die auf der Bühne agierenden Vertreter des vor den Toren des Hauses randalierenden Mobs, begreifen nicht die Ungeheuerlichkeit ihres Handelns, das sie völlig konsequent - aus der für sie gültigen Ordnung ihrer Welt heraus - rechtfertigen. Sie sind nicht etwa Unmenschen, die aus reiner Blutgier einen Menschen jagen - sonst hätten sie sofort zugegriffen, als Thomas sich ihnen für eine solche Prozedur anbot; sie sind gerade die Guten, Schuld- und Sündlosen, die in ihrer Ahnungslosigkeit Reinen, denen mit keinem noch so leidenschaftlichen Appell beizukommen ist.

Margaret

„draußen auf der Straße, was mag es sein?“

Thomas

„Was mag es sein?
es ist: eine Hexenjagd.“

Darauf Margarets ganzer Kommentar:

„0 Gott, schon wieder.“

Thomas

„Sie tragen ihre Unschuld, ein Hütlein, kokett und verwegen,
gibt Ihnen fast ein Ansehen von Lästerlichkeit, Madame.
Doch beim nacktesten Engel des Erbarmens,
sollten Sie nicht lieber antworten auf diese Glocken? Und
sei's nur mit einer leichten Verschattung Ihrer müßigen Augen,
Madame, oder ein Zucken des Nackens …
seien Sie schockiert, Madame, nur für eines Hauches Dauer,
und ich will Gott danken für seine gesittete Welt.
Dies ist mein letzter Einsatz, die letzte ärmliche Wette
auf das Menschenherz.“

Darauf Margaret, deren Wahlspruch ist „Mich kann man nicht verführen, ich hör nicht hin“:

„Wüßt ich, wer Sie sind, bät ich Sie, Platz zu nehmen. Doch weil Sie stehen, bitte ich Sie: würden Sie einmal nach Humphrey sehen?“

Thomas

„wenn wir aufmerkten, könnten wir hören, wie die Jäger,
nachdem die Küchenteller säuberlich gespült sind,
in den Sackgassen auf und nieder hasten,
die sie für ihre unsterblichen Seelen halten,
und sie waschen im Blut einer Greisin sich rein.
Ihnen wird nachher vielleicht wohler sein.
Aber sie …
kläglich schluchzender Leib einer alten Frau.“

('alte Frau' - Thomas wußte in diesem Augenblick noch nicht, daß Jennet die Gejagte ist.)

Auch diesmal hört Margaret nicht hin. Thomas spricht von Dingen, die sie einfach nicht verstehen kann. Ein einziges Mal hatte sich Thomas auf die Sprache der Bürger eingestellt, als er nämlich für sein Verlangen, gehenkt zu werden, einen Doppelmord, Abtreibung, Unterschlagung angibt, weil er hoffte, damit den Richter von der Notwendigkeit, ihn zu henken, überzeugen zu können. Aber er scheitert auch in diesem Fall. Man vermutet hinter seinem Ansinnen ein Element des Hohns, gerichtet gegen gute Lebenssitte. Und falls das Ganze ein Scherz sein solle, so sei solcher Humor doch nur ein langweiliger Katarrh. Außerdem sei keine Präzedenz für einen solchen Fall vorhanden, und alles, was geschieht, muß doch seine Ordnung haben. Und man schützt sich im Familienkreis vor solchem Irrsinn mit einem schlichten Gebet.

Tyson

„Welch zartes Uhrwerk ist doch das Gehirn. Allmächtiger Gott, vollkommenster aller Uhrmacher, gewähr uns unser sicheres Pendelmaß. Sagt alle Amen.“

Und Thomas schließt sich mit einem eigenen Gebet an:

„Gesegnete Brüder im Stumpfsinn, vereinigen wir uns in einem
Hoch auf die Langeweile
ein Gähnen bring ich aus … auf das tödliche Leben, die Frauen,
jede Regierung, Krieg, Kunst, Wissenschaft und Ehrgeiz
und den ganzen Trug menschlicher Emotionen.“

Jennet

„Und erweck uns am Morgen mit einem ambrosischen Frühstück. Amen.“

Das Stichwort 'Langeweile' bezeichnet den Umschlagpunkt jener äußersten Anspannung, die berechneten Selbstverständlichkeiten, den Kreislauf und Mechanismus des Menschen zu durchbrechen, in die Gleichgültigkeit, unter deren mächtigem Schneefall die Welt begraben wird, wenn vom Leben nichts übrig bleibt als „Preiselbeertorte, Gänseleber, kalte Lerchen und Mrs. Cartwright“. Wenn man zu begreifen beginnt, daß es reine Kraftvergeudung war, „der Schöpfung großes exquisites Dilemma auf seine Hörner zu spießen“. Wenn das ganz unbegreifliche Leben, das voller Widerspruch und Geheimnisse, glitzernd von Konflikten, Paradoxen und Mysterien im ewigen Kampf zwischen Himmel und Hölle uns gegeben wurde, sich auf das bloße Prinzip von Ursache und Wirkung reduzieren läßt und die Menschen nichts weiter "als eine Kopie ihres Geburtsscheins brauchen, um mit der Schöpfung ihren Frieden zu machen". Wenn man also eingesehen hat, daß der Mensch eine Fehlleistung ist. In diesem Zustand verfällt Thomas jedoch nicht darauf, mit mehr oder weniger Behagen, „an den großen Brüsten irrationaler Angst zu nuckeln“, nicht Haß und Verachtung sind seine Antwort, sondern das Gelächter, das er lernt (Langeweile und Gelächter stehen in unmittelbarer Beziehung zueinander - die Bildkomplexe und Bedeutungsfelder, die Fry für diesen Zusammenhang anlegt, sind jenen uns geläufigen HEINEs, GRABBEs, MUSSETs, DlCKENS', GOGOLs, BALZACs und BÜCHNERs sehr ähnlich, wenn auch nicht verwandt).

Dieses Gelächter aber ist nicht befreiend, es löst den bestehenden Konflikt zwischen den unerträglichen Konstruktionen, den verharmlosenden Bündnissen menschlicher Dummheiten und dem Gefühl, dadurch schuldig zu sein, daß man sie weiterhin akzeptiert, nicht in augenzwinkerndes Einverständnis auf. Thomas ist der einzig wirklich Schuldige, der Menschheit schuldig, wenn er gezwungen wird, selbst in der lächerlichen Menschenanekdote, 'die von Anfang an kaum einen Schimmer von Komik besaß, fortzufahren und die banalen Variationen in verschiedenen Tonarten über das nämliche Thema Mensch weiter mitzugrölen. Da er aber dazu gezwungen wird durch die Liebe Jennets - >bleibt das große Götterlachen, das Lachen um des Lachens willen, die einzige Möglichkeit, die Erbärmlichkeit und Armut des menschlichen Daseins zu übergreifen und die Welt in diesem Fischernetz von Überspanntheit und den Schlingen der Unvernunft wieder einzufangen.

Ein solcher Schlingen- und Lassowerfer nach den Erscheinungen ist auch der 'Sünder', der der Urfolie der Welt, dem 'Bösen', dazu verhilft, durch den überwucherten und verholzten Boden der Tatsachen durchzubrechen und der langweiligen guten Sitte, der unfruchtbaren Ordnung, der bis zum Halse zugeknöpft einherschreitenden Vernunft-in-allen-Dingen aus dem Kragen zu platzen. Das Böse ist immer der andere Weg, der andere Gott, der andere Gesichtspunkt, der sich nicht ins Allgemeine fügt und keinen Durchschnitt einhält; es ist die ewige Unruhe, die Veränderung und auch Erneuerung; es richtet sich mit allen extremen Möglichkeiten gegen die Tappercooms und Tysons, die gern mit ihren Überzeugungen allein sein möchten und hoffen, für den Rest des Lebens still an ihrem Ast zu hängen wie ein reifes Äpfelchen, um den Frieden ihres Herzens zu sichern.

Thomas aber provoziert und betreibt bewußt die Sünde der Anarchie, zu der auch seine 'Todesbegier' gehört, denn für einen Anarchisten ist der Tod die modernste Art zu leben. In den Strudel der Dynamik des 'Bösen' reißt er das Leben funkelnd hinein und es geht ein Stern über dem Hause auf, der dieses Mal die Ankunft des Weltverdunklers anzeigt, der die ehemals, ebenfalls in Begleitung eines Sterns, gestifteten unabdingbaren Gesetze der Zusammenhänge auflöst.

„Unser täglich 'Sünd' gib uns heute.“ Auch die Hölle erzeugt ein Gelächter, den grimmigen Humor der Vernichtung. Aber Mensch und schöpferischer Urgrund des Lebens, Welt und Chaos korrespondieren wieder miteinander.

[Jennet] Die Tochter eines Mannes, der glaubte, das Weltall werde nach bestimmten Gesetzen geregelt, ist die Stifterin dieser Korrespondenz. Denn sie hat es gewagt, obwohl völlig schuldlos, mit dem hypothetischen Teufel Thomas einen Dialog der Hölle zu sprechen, in dem sie ihre Position aufgibt und sich aus trauriger Täuschung und Todesangst befreit. Sie ist bereit, die Hölle als ihren Hügel zu akzeptieren, von dem die Welt in Nichts-Bedeutung entgleiten möge.

Durch diese Radikalität und Entschlossenheit, die sie kraft ihrer Liebe zu Thomas durchhält, vermag sie ihn davon zu überzeugen, daß es auch für ihn keine Flucht in die Wahrheit geben kann - in den Tod. Der Tod oder, wie Jennet sagt: das Getue mit dem Tod, ändert nichts an der Welt. Wie sehr er sich beeilt hatte, dieser Einsicht zu entgehen und sich nicht selbst zu einer 'Liebesbrutstatt' zu machen - „Hängt mich, um des Erbarmens Willen, bevor ich diese Frau liebe“ -, erkennt er, daß neben dem Bösen, dem großen Unverlogenen, das zwar Reibefläche des Lebens, an dem es sich entzündet, nicht aber seine Substanz ist, auch die Liebe ein Hauch unseres höllischen Ursprungs sein kann, eine Form des Kampfes und der Erneuerung, allerdings nur der Veränderung der Liebenden selber, nicht der der Welt.

Thomas

„Mädchen, du hast die Welt nicht verändert.
Glitzere, wie Du willst, die Welt ist doch nicht verändert.
Ich liebe dich, aber die Welt ist nicht verändert. Vielleicht
kann ich dich eine Weile vor meine Augen halten,
aber die Welt widert mich doch.
o heillose Menschenfalle: Liebe!“

„Wollen wir nicht lachen. Sollten wir nicht so witzig als möglich leiden. Denn Lachen ist gewiß des Genius' höchster Hauch und so belanglos, daß es fast eine Offenbarung ist.“ Jennet lehrt Thomas das Lachen, indem sie ihn zwingt, eine Verhaltensweise zu finden, in der er das ewige Männchenmalen und die Jahrhunderte Kuckucksschaum der Bedeutungslosigkeit ausliefern, zugleich aber sich selbst vor den Konsequenzen, und das heißt vor Tod - bewahren kann. Thomas hingegen zwingt Jennet, ihren Aberglauben aufzugeben. Zwar glaubte sie nicht an die gute Kinderstube der Vorsehung, doch welch größeren Aberglauben gibt es, „als an den Hokuspokus Wirklichkeit“ zu glauben. Sie hatte an dem Beispiel ihres Vaters, der den großartigen Vorsatz gefaßt, die Materie zu verändern, gesehen, daß ein Suchender immer kurz vor seinem Ziel stehen bleiben wird. Deshalb wollte sie für sich die Wirklichkeit, „was ich sehe, was ich greif“. Mit anderen Worten, die bare Unwahrheit. Sie begreift, daß sie sich mit dem Rätsel begnügen muß, und, was nicht ist, in ihrer eigenen Hand liegt. Durch dieses Wissen verfällt sie auf das Dunkel, und Thomas bekennt, daß sie ihn damit besiegt. Für die Wandlung Thomas' und Jennets gilt: „zwar ist es etwas hart, doch wir sind keine Kinder“. Thomas tritt zurück in Reih und Glied der Menschheit, ohne seine Demission als Mensch geben zu müssen.

[Alizon und Richard]
Die Liebe Richards zu Alizon (die zunächst von ihrem Vater dem Herrgott persönlich angetraut, dann aber Humphrey überlassen werden sollte) ist eine zweite, zarte Spiegelung der Spannung Thomas-Jennet. Auch Richard spürt die Liebe als Flamme in seinem Flachs nisten. Auch er verlangt von Alizon, wie Thomas von Jennet, daß sie bereit sein müsse, gute Sitte zu durchbrechen. Auch sie verlassen beide das Haus der toten Lebenden. Gerade dieser Gleichheit wegen bleibt die Spiegelung blind. Es ist nur eine Spiegelung von Thomas und Jennet ins Anonyme. Beide sind Niemande, Richard eine Waise, Alizon kam ihren Eltern ganz zufällig, wie Pilze kommen. Deshalb sind beide auch weniger scharf gezeichnet. Die Spiegelung verliert sich allmählich, als den beiden das Glück wie April der Erde passiert „und dem Manne Narzissen passieren und Disteln und unserer lieben Frau Bettstroh und Todesnachtschatten und das Bedürfnis nach Rhabarber“.

[Der Kaplan]
Ein Mann, der vieles ahnt, doch hilft es niemand. Er weiß, daß nichts so ist, wie wir erwarten, daß es wäre. Was praktischen Leuten, wie Tappercoom und Tyson, unvernünftig erscheint, scheint ihm nicht so. Denn: „Über alles staun ich und am meisten über mich selbst. Denk ich über mich nach, trau ich kaum meinen Sinnen. Aber schließlich, all meine Freunde sagen mir, ich existiere. Es ist ein Akt des Glaubens, wenn ich nicht daran zweifle.“ Er bleibt also ein „Engelkratzer“.

[Niklas und Humphrey]
Zwei Enden eines Gedankens. Bleiben indifferent, obschon beide von der 'Aprilanarchie' ergriffen. Balgen sich um Alizon, wobei Humphrey, der Stadtrat, in die Narzissen stürzt: „als einst Babylon fiel, hat es nicht schöner geplumpst“. Niklas, „empfangen als Hammer, geboren im wehenden Sturm“, begeht damit den biblischen Brudermord in der fryschen Version. Niklas behauptet, sich damit noch einmal besser geboren zu haben als durch seine Mutter Margaret. Humphrey ist daraufhin „offiziell krank und aktuell gelangweilt“. Nachdem Jennet sich ihrem hilfsbereiten Anerbieten verweigert, gehen sie ab, um ihre „Hemden an einem Mastkorb zu hissen, damit sie jemand anders aufliest“.

[Margaret, Tyson. Tappercoom]
Auch sie waren einmal jung, „überlaut schreiendes Gold“, doch welch eine Marter war es für sie. Sie führen ein gräßlich unbeflecktes Leben, denn Margaret meint: „Sünde ist so unbequem.“ Sie sind so ganz und gar die überzeugenden Erzeuger, phantasielos wie ein Zirkel, denn sie glauben, der jüngste Tag, der für die nämliche Nacht gegen 22:20 festgesetzt, werde sich selbst in dieser Jahreszeit nur deshalb zurückhalten, weil der Himmel die Zwiebeln nicht so enttäuschen dürfe. Alle drei nicht ohne Güte und ein „Sträußchen privater Rührung“. Sie wurden verschont, da Jennet sorgsam Thomas die „Eselkinnbacken“ entzweibrach, mit denen er diese Philister strafen wollte.
Denkt man sich den dynamischen Raum, in welchem das Bühnengeschehen abläuft, als ein Rechteck, so bilden Thomas, Jennet, Richard und Alizon eine Längsseite, Margaret, Tyson, Tappercoom die andere; die Brüder Devize und der Kaplan je eine schmale Querseite.

4.3 Das Spiel als Verskomödie

Christopher Fry bezeichnet sein Spiel als eine Vers-Komödie. Warum Komödie? Es ist nicht schwer, darauf eine Antwort zu geben. Abgesehen von der Frage, ob es heute überhaupt noch möglich sei, Tragödien zu schreiben und ob nicht die Komödie heute die einzige Form sei, einen Vorgang zwischen Lachen und Weinen im Schutze des Gelächters als tragisch bewußt werden zu lassen (wie etwa DÜRRENMATT und FRISCH antworten), abgesehen von dieser Frage also ließe sich folgendes sagen: Auch Fry schreibt ja sein Stück nicht mehr nach klassischen Vorstellungen, d.h. auch für ihn ist die Fabel eines Stückes nicht mehr vorgegeben, schon ganz überschaubar und die einzelnen Teile auf ihre Funktionen innerhalb des Ganzen festgelegt, die dann nur noch sprachlich zu gestalten wären. Sondern: Primär ist der spontane sprachliche Akt, der Augenblick der Artikulation, die Phase des nur Poetischen. Solche Augenblicke (bei Fry meistens poetische Kleinstzellen, die Bilder) reihen sich aneinander, wie sie nacheinander entstehen, oder werden vom Schreiber in einem bewußten Reihungsprinzip aneinandergekoppelt. Nach einer gewissen Zeit, in der schon eine recht lange Kette solcher spannungsreicher Sprachmomente gebildet worden ist, liest der Dichter aus ihrer Bewegung die heimliche Richtung ab, in der sie wahrscheinlich fortlaufen werden. Der Sprechvorgang erhält Intentionalität. Hier setzt dann die bewußte Lenkung ein und es entwickelt sich ganz allmählich so etwas wie eine Fabel (falls ein Stück geschrieben werden soll). Bei einem solchen Verfahren ist es klar, daß man in die Fabel eingeführte Personen nicht auf ihre Erscheinungsweise, vermutliche Reaktionen, Charakter usw. fixieren kann (ganz davon zu schweigen, daß niemand mehr begreift, was Persönlichkeit, entwicklungsfremder, in sich abgeschlossener Typus, Denkstil usw. bedeuten könnten). Gerade das aber muß für eine Tragödie im klassischen Sinn möglich sein, damit das Moment des Tragischen in aller Folgerichtigkeit und unabdingbaren Konsequenz erzeugt werden kann.

Bei dem oben angedeuteten Produktionsverfahren, in dem sich fortlaufend alle Perspektiven und weit voneinander entfernt liegende, miteinander eigentlich unvereinbare Ebenen durchkreuzen und gegenseitig verändern werden, ist das unmöglich. Deshalb Komödie. Sie ist eben die Form, in welche der spontane Sprachfluß einmünden kann, das Spiel und die offenen, nicht endgültig determinierten Vorgänge und Gesten. Die Komödie erlaubt die Konkordanz von Extremen, die nicht Gegenpole sind - das wäre auch in der Tragödie möglich -, sondern die einfach das jeweilig ganz andere, Unerwartete, Fremde sind, das durch Spracheffekte ins Geschehen plötzlich heineinblitzt.

Das Überzeugende und Wirksame an der Fryschen Schreibtechnik ist, daß es ihm gelingt, aus diesen sprachlichen Momentaufnahmen fast gleichzeitig ein Fabelgerüst aufzubauen, ohne dabei seine Sprache, seine Poesie wieder aufzulösen. Das gelingt kaum einem Autor heute. Die einen käuen auch heute noch Problemstücke, deren Fabel sie erzählen, wieder, die anderen schreiben nur noch Texte, die eigentlich gar nicht mehr der Aktualisierung der Bühne bedürfen. Neben Fry ist eigentlich nur Hans Henny JAHNN, LORCA, ELIOT und Dylan THOMAS, bei dem sich zum Teil fast wörtliche Übereinstimmungen mit Fry finden lassen, Ähnliches geglückt.

Auch ihnen wurde die Sprache zum kreativen Wesen, zu einer progressiven Tätigkeit, die exemplarisches Leben ist. Denn Poesie ist ihnen etwas ebenso Naturgegebenes wie unsere fünf Sinne. Nicht Klarheit und Ausdrucksfähigkeit, sondern Subtilität wird angestrebt. Poesie ist die Erfüllung der Sprache. Die Dichtung zeigt uns das Phänomen menschlicher Sprache, also aller menschlichen Emotionen. Der Schauspieler zeigt das Sprechphänomen. Aus ihm ist auch der Gebrauch des Verses bei Fry zu erklären. Das Versdrama ist nicht Prosa, die zufällig einer gewissen Verspieltheit und einem besonders hoch entwickelten Kunstverstand zuliebe in Versen geschrieben wurde. Dem Fryschen Vers liegt ja nicht ein bestimmtes metrisches Maß zugrunde, das mehr oder weniger streng eingehalten wird. Sondern der spontanen Fähigkeit des Sprechens wohnt eine gewisse Rhythmik inne, ein nach bestimmten Gesetzen ablaufendes Pathos des Sprechenden zwischen Ausleerung und neuer Aufladung des Sprachbewußtseins, zwischen Anschwellen und Abschwellen des Sprachleibs (wie auch die Wellen des Meeres rhythmisch zwischen Eruption, Selbstauflösung und neuer Ballung sich bewegen).

Natürlich gehören Poesie und die Struktur ihres Vollzuges (bei einem Spiel: Poesie und Handlung) zusammen. Bei Fry geht diese Zusammengehörigkeit mitunter so weit, daß lyrisches Bild und logischer Begriff interferieren, daß Poesie, Logik und Rhetorik wieder zusammenfallen, wie noch im 17. Jahrhundert, dem Jahrhundert der Metaphysicals in England, dem sowohl ELIOT als auch Fry verpflichtet sind.

Bei dieser Konvergenz hat man den Eindruck, als werde die Sprache Frys unentwegt zwischen Phantastik und Kasuistik hin- und hergerissen. Daraus entsteht jene in der englischen Tradition so gegenwärtige und von ELIOT wieder geforderte "dissociation of sensibility and eccentricity of imagery, the far-fetched association of the dissimilar, or the over-elaboration of one metaphor or simile". Und es entsteht daraus auch der Sprachwitz, das Beim-Wort-Nehmen der Sprache, die raschen Verkehrungen, die Sudden Choices, die Bildvermischungen, die Sprachmutationen, die nicht determinierten Sprünge von Phantasie und Intellekt. Daraus entsteht wiederum die Möglichkeit des radikalen Bildes, der Paralogik und des Emblems; dieses Emblems, das vor der Erfindung der Psychologie noch Himmel und Erde in sich verschloß und das Fry wieder in ungeheuerlichen Bildern (conceits) unter den Himmel hängt.

Sprache in einem so vielschichtigen Perspektivismus, in dem selbst einzelne Buchstaben und Laute Evokationskraft und Vibration besitzen, läßt sich nicht mehr zur Abschilderung von bloßen psychologischen Vorgängen gebrauchen, wie sie immer noch von Autoren wie Tennessee WILLIAMS und anderen Amerikanern betrieben werden, In der Poesie ist jeder beliebige Gegenstand, jedes Wesen zur Partnerschaft geeignet, denn sie sind alle Ausdruck einer gleichen Identität.

Auch das Du ist in diesem Prozeß nur ein anderes Ich. Auch deshalb ist klassisches Drama nicht mehr möglich. Nicht Tragödie plus Lachen, nicht das Komische als beständige Negation der Natur kennzeichnet dabei die neue offene Form des Dramas, die Fry und andere als Komödie bezeichnen, sondern die Tatsache, daß sie die höchste und reichste der Formen ist, der jede geringere aufs neue zum Stoff wird. Das hat schon HEBBEL von der Komödie gesagt. Das Publikum, das immer der Arme im Geiste ist, muß sich bis aufs weitere mit der Erklärung begnügen, daß fürs Schreiben eines modernen Stückes gilt, was ROUSSEAU vom Schreiben eines Liebesbriefes sagt: Um einen guten Liebesbrief zu schreiben, mußt 'du anfangen, ohne zu wissen, was du sagen willst und endigen, ohne zu wissen, was du gesagt hast'.