Theoreme

Er lebte, liebte, lehrte und starb. Was hat er sich dabei gedacht?

Bazon Brock: Theoreme. Er lebte, liebte, lehrte und starb. Was hat er sich dabei gedacht? | Köln: Walther König, 2017.
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

BAZON BROCK: THEOREME. Er lebte, liebte, lehrte und starb. Was hat er sich dabei gedacht? Hrsg. von Marina Sawall. Mitarbeit: Bianca Girbinger, Linn Schiemann, Andrea Seyfarth. Mit einer Einleitung von Bazon Brock und einer Einführung von Marina Sawall. Köln 2017. 

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Bazon Brock, Jahrgang 1936, ab 9. März 1945 Flüchtling aus Hinterpommern und Kriegskind in den Hauptkampflinien Zoppot, Neufahrwasser, Gotenhafen und Hela; belehrt durch die Feigheit ordenssgeschmückter Offiziersgockel und den Mut von Frauen und Müttern; modernitätstauglich geworden in Lagern, die nachweislich kein Kind unter 4 Jahren überlebt hat; ab 1949 endlich in der Obhut tüchtiger Gymnasiallehrer in Itzehoe/Holstein; ergriffen mit Dichterkollegen im Seminar über das 2. Buch „Parzival“ des Wolfram von Eschenbach; intellektualisiert durch kabarettistische Vernunft zwischen Carlo Schmid und Carl Schmitt und Ludwig Erhard und Heinz Erhardt; poetisiert von Claus Brehmer und Daniel Spoerri in der Dramaturgie des Staatstheaters Darmstadt; begriffslyrisch gestimmt durch Heidegger und Adorno; publizierte im Herbst 1957 sein erstes Buch „Kotflügel Kotflügel“; realisierte eine zentrale Rolle aus Goethes „Wilhelm Meister“, indem er Erster Dramaturg unter Gnekow im Stadttheater Luzern wurde (im Pagendienst für Therese Giehse und Käthe Gold); schließlich ab Oktober 1965 Lehrer für nichtnormative Ästhetik neben den Kollegen Max Bill und Max Bense an der Hamburger Hochschule für bildende Künste ...

Der Rest ist Legende, wie der vorliegende Band beweist.Heute ist Bazon Brock Denker im Dienst des Instituts für theoretische Kunst und versteht sich als Universalpoet in der Berliner Denkerei. Das bezeichnet seit Friedrich Schlegel die Tätigkeit und Haltung eines Menschen, der sich nicht an Berufsrollen wie denen der Künstler und Wissenschaftler, von Unternehmern und Journalisten, von Parlamentariern oder Sozialtherapeuten orientiert. Universalität kennzeichnet ebenso wenig allumfassende Fähigkeiten und Kenntnisse, wie Urbanität die Gesamtheit der Eigenheiten einer Stadt beschreibt. Urbanität wie Universalität charakterisieren das Verhalten und die Orientierung von Individuen in jeder ihrer Handlungen. Der gleiche Mensch ist Professor und Mitglied eines Tennisclubs, Ehemann und Markenartikler, Reisender und Sitzriese. Das Gerede von multipler Persönlichkeit, als sei man je nach Rolle ein anderer, entstammt der eingebildeten Manipulationsmacht von Bossen, die sich verpflichtet fühlen, im Beruf hart und rücksichtslos zu sein, aber privat den liebevollen Vater, Hundenarren und Gärtner abzugeben. Gegen diese Selbsteinschätzung, das Berufs-Ich habe nichts mit der allgemeinen humanitären Gesinnung zu tun, traten die Universalisten wie Schlegel auf, die erfahren hatten, wie sich die Tugendpflicht der französischen Revolutionäre von 1789 ohne weiteres mit tödlichem Tugendterror vereinbaren ließ.

Bazon Brock ist immer Bazon Brock – ob er, wie Ende der 1950er Jahre, das mönchische Exercitium einer großen „Hamburger Linienziehung“ initiiert oder im Berlin der 60er Jahre auf dem Parkplatz des Hotels Kempinski zur „Gymnastik gegen das Habenwollen“ anleitet oder den „pompejanischen Blick“ in die Schaufenster unserer Kaufhäuser trainiert, als wären wir schon Vergangene, ob er „Besucher- oder Bürgerschulen“ etabliert oder in seinen Vorlesungen an der Hamburger Hochschule Eis- und Popcornverkäufer auftreten lässt, um so wenigstens das Rezeptionsniveau eines normalen Kinobesuchs im Hörsaal zu erreichen, ob er die Wohnung eines Zeitgenossen Stück für Stück auf die Bühne transportieren lässt, um den Normalbürger zum geschichtlichen Helden von shakespeareschem Format werden zu lassen, ob er als Regisseur, Autor, Ästhetiklehrer oder Sozialtherapeut für die Loslösung von unnötigem Lebensgerümpel in der Frankfurter Sophienstraße wirkt, ob er seine Zuhörer honoriert in gleicher Höhe, wie er als Redner honoriert wurde, damit Zuhören endlich als dem Reden gleichgewichtige Arbeit anerkannt wird – Bazon Brock ist immer Bazon Brock, verantwortungsbereit, vorstellungsdynamisch, wirkmächtig durch Wissenschaft und Zärtlichkeit. 56 der ehemals bei ihm Studierenden und Examinierten wurden ihrerseits Professoren; die Phalanx derer, die er begeistert, reicht vom Kunstbunkerherren Christian Boros bis zur Gastrosophin Andrea Kühbacher. Heinrich Klotz, der Gründervater des Karlsruher ZKM, nannte ihn eine „Symbolfigur des 20. Jahrhunderts“ und Peter Sloterdijk würdigte ihn 2006 als ein „Großzügigkeitsphänomen, wie es das 20. Jahrhundert selten gesehen hat“. Heiner Mühlmann beschrieb die künstlerisch-wissenschaftliche Arbeit von Bazon Brock als Etablierung einer neuen Kunstgattung, die
 er als apophatisches Sprechen bezeichnet, also das Sprechen über das Unaussprechliche, das Denken des Undenkbaren und die Vorstellung des Unvorstellbaren, aber als konkrete Vorstellung, bestimmten Gedanken und als präzise Aussage vor Werken im Museum.
Mit mehr als dreitausend öffentlichen Auftritten, in zahlreichen Büchern, Filmen, Theaterstücken, Ausstellungen und Besucherschulen positionierte sich Bazon Brock als Beispielgeber im Beispiellosen, das heißt, als jemand, der seine Untersuchungen als Selbstversuche, ja als Versuchungen angeht. Maxime: Kein Faschist ist nur, wer von sich weiß, dass er jederzeit einer hätte werden können, also sich selbst in jedes Urteil einbezieht, das er über andere fällt.

Seite im Original: 9

Zum Aufbau des Buchs

Marina Sawall

„Theoreme“ kommt ganz ohne Inhaltsverzeichnis aus, wobei ein umfassendes Register die schnelle Auffindbarkeit des Gesuchten erleichtert. Die Leser können sich andererseits die Person Bazon Brock und ihre Aussagen auch Seite für Seite erblättern.

Insgesamt gibt es drei größere Unterteilungen: erstens einen biografischen Rahmen; zweitens einen methodischen Teil zu Bazon Brocks Selbstverständnis als „Künstler ohne Werk“ und seiner Erfindung des Action Teaching; sowie drittens ein über 200 Seiten starkes „Arbeitsheft“, das sich direkt an die Leser wendet, indem es das Konzept der Brockschen Bürger- und Besucherschulen in Buchform weiterführt.

Die Methode des Action Teaching gehört bei Bazon Brock untrennbar zu den Theoremen, weshalb sie hier in ihren verschiedenen Formen vom mehrstündigen Vortrag im Kopfstand bis hin zu mindestens vierstündigen Lustmärschen oder dem Spazierensitzen für Fußmüde anschaulich gemacht wird.

Besondere Bedeutung kommt dabei den Lehrmitteln zu, die Brock für seine Action Teachings konzipiert und jeweils für ein bestimmtes Thema anfertigen lässt. Er bezeichnet sie als „Theoretische Objekte“ oder auch „Cognitive Tools“, um ihren erkenntnisfördernden Charakter noch zu verdeutlichen.

Die theoretischen Objekte dienen Bazon Brock zur Problematisierung von Sachverhalten ¬– dem wesentlichen Kennzeichen seiner Definition des „Künstlers ohne Werk“, dessen Arbeitsauftrag eben nicht in der Erschaffung eines Werks, sondern in der öffentlichen Wirkung liegt. Bereits 1959 erprobt er diesen Gedanken mit Studenten der Klasse Hundertwasser am Beispiel der „Großen Hamburger Linie“, dem „ersten beispielhaften Nichtwerk“.

Zusammen mit der Methode des Action Teaching, das Brock zu Beginn seiner Lehrtätigkeit an Hochschulen entwickelt, kommt in seiner Kolumne „Bazon Brock, ein Kritiker dessen, was es noch nicht gibt“ in der Zeitschrift FILM bereits 1965 die Idee zu einer Professionalisierung der Rezipienten auf, die er mit den berühmt gewordenen documenta-Besucherschulen ab 1968 auch praktisch umsetzt und seitdem in verschiedenen Formen weiterführt. 2011 richtete er mit Peter Sloterdijk den Diplom-Studiengang „Der professionalisierte Bürger“ an der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe ein und gründete in Berlin die Denkerei mit dem Amt für Arbeit an unlösbaren Problemen, in der regelmäßig öffentliche Veranstaltungen zum Umgang mit diesen Problemen stattfinden.

Der als „Arbeitsheft“ gekennzeichnete Teil dieses Buches greift das Konzept der Professionalisierung der Bürger in ihren Rollen als Wähler, Rezipienten, Gläubige, Konsumenten und Patienten auf und bietet die Brockschen Themen geordnet nach den fünf hauptsächlichen Schultypen: Bürgerschule, Besucherschule, Prophetenschule, Konsumentenschule und Patientenschule.

Ein Zuordnungsprinzip bieten für Bazon Brock die sechs Grundmuster der Orientierung im Alltag:

1. Sternenkarten: Jedes Kind ist fasziniert von den Erzählungen über vergöttlichte Lebewesen, die wie bswp. der große Bär als Sternenbilder am Himmel gelesen werden können. Wie würden wir die Sternenbilder lesen, wenn sie nicht vor Jahrtausenden identifiziert worden wären, sondern der heutigen Lebenswelt und ihrer Alltagsästhetik entnommen würden?

2. Stadtpläne: Vor der Verfügung über Navigationssysteme lernte man, statt Grundrisse topografische Gestalten abzuspeichern. Hauptorientierungen waren Flüsse, Grüngürtel auf ehemaligen Festungswällen, das Radialsystem der Ausfallstraßen, markante Plätze oder Plateaus und Turmspitzen als Aussichtspunkte.

3. Schaltpläne: Seit 99 Prozent unserer Alltagsverrichtungen wie das Licht einschalten, den Computer benutzen, Autofahren oder Telefonieren durch „Kommunikation ohne Verstehen“ absolviert werden können, ist unsere Welt abstrakt geworden. Aber immer noch interpretieren wir Schaltpläne in rührender Weise als Vermittlung zwischen Anschaulichkeit und technischer Begriffswelt.

4. Schnittmuster: Von Schneiderinnen aus der Schule von Aenne Burda lernte die Brock-Generation früh, auf knappstem Raum eine Vielfalt von Formen und Handlungsanleitungen unterzubringen – lange bevor die Medien und die Moden solche Verfahren der Überlagerung, Schichtung und Mehrfachbelichtung den Laien zur privaten Aneignung zur Verfügung stellte.

5. Bibliotheken: Bücherregale als Erinnerung an das bürgerliche Zeitalter Alteuropas vermitteln zwischen dem Persönlichkeitsausdruck der Besitzer und deren Verpflichtung auf die Welt des Kollektivgeistes.

6. Tagebücher und Lebensläufe: Seit 1900 haben nicht mehr nur Könige, Religionsstifter und Feldherren eine Biografie. Jeder wurde biografiepflichtig. Dem entsprach man durch Vorlage eines handgeschriebenen Lebenslaufs bei Bewerbungen um Integration in die Gesellschaft. Graphologen leiteten aus den Schriftbildern den Grad der Autonomie von Schreibenden ab mit der Frage, ob sie bereits zu Autoren geworden seien.