Hochschule für Bildende Künste

Widerstand gegen Widerstandsideologien

1 Widerstand in der Wiederholung

Nach den Feiern zum 20. Juli 1964 habe ich mich staatsanwaltschaftlichen Nachforschungen ausgesetzt gesehen, und zwar deshalb, weil ich mit anderen eben nicht gefeiert hätte. Es schien verdächtig, daß wir in der TH Aachen zum Abend des 20. Juli nicht in geschlossenen Anzügen erschienen, daß unser Mienenspiel nicht dem Anlaß gerecht wurde und daß schließlich unsere Verhaltensweisen und Aktivitäten auf der Bühne und im Zuschauerraum nicht als feierstündlich zu kennzeichnen waren.
Aus den Fragen der Etikette wurden solche formaler Kennzeichnung der Subversion; das meinte: der Zersetzung der staatstragenden Erinnerung an geleisteten Widerstand, die als Rechtfertigung fürs gerade Bestehende heute unumgänglich zu sein scheint. Ihnen scheint die Legitimation des Anspruchs, die deutsche Nation gegenüber der Welt vertreten zu können, ableitbar aus der durch den Widerstand bekundeten Kontinuität dessen, was angeblich immer das bessere Deutschland gewesen sein soll.
Unser Verhalten in Aachen am 20. Juli 1964 schien sich also gegen die etablierte Herrschaft in der Bundesrepublik zu richten, die sich über die Ermittlungsbehörden im wesentlichen als Herrschaft etablierter Interessenverbände auswies. Dabei wurde mehrfach versichert, daß es sich nicht darum handele, uns zu unterstellen, wir wollten das Andenken der Widerstandskämpfer schmälern, sondern darum, daß es das junge Pflänzchen Demokratie noch nicht vertrage, die Ereignisse des 20. Juli unter dem kategorialen Gesichtspunkt 'Widerstand' zu untersuchen - also historisch zu betrachten - oder Widerstand in einer anderen Richtung als Begründung für unser Handeln zu verstehen als in Richtung auf die Rationalisierung anspruchsvollen deutschen Auftretens in der Welt.
"Das Pflänzchen, das zarte Pflänzchen Demokratie in der Bundesrepublik." Wer so spricht, sieht sich selbst gern in der Rolle des das zarte Pflänzchen hegenden Gärtners. So Gärtner zu sein, verfuhrt allzusehr dazu, von Schädlingen sprechen zu müssen, die man zum Schutze des zarten Pflänzchens ausrotten muß. Es ist übrigens doch interessant, daß sich diese Gärtner in der Metaphorik ihrer Sprache gern als das Unkraut bezeichnen, das nicht vergeht. Und wobei dann eben dieses Unkraut auch höchst nett, geradezu sympathisch wird. Wie dem auch sei, selbst in der Sphäre der Fabrikation ihrer Opfer verbleiben Deutsche gern in ihrem angestammten Revier, dem, was sie deshalb besonders prononciert als Lebensraum bezeichnen: der Gartenlaube.
Indessen: wir glauben zu wissen, wovon wir reden. Und mit anderen ließe sich ja wohl eine Basis der Verständigung finden, wenn sie nicht versuchten, sich davor zu drücken: sich zu drücken vor dem uneingeschränkten Gelten des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland. Denn dieses unser Grundgesetz kann allein als eine solche Basis betrachtet werden. Es sollte von vornherein eindeutig klargestellt sein, daß die sogenannte Subversion, deren man heute wieder etwelche Bürger zeiht, Ausdruck dafür ist, daß es eine große Anzahl von Deutschen gibt, die die Geltung des Grundgesetzes einschränken wollen und ihre Absicht dadurch tarnen, daß sie die gegen ihre Absicht gerichteten Aktionen als Anschläge gegen das Grundgesetz bezeichnen. Daß wir durch solche absichtsvolle Kennzeichnung allmählich doch in den Verdacht geraten, der unsere Glaubwürdigkeit herabsetzt, daß wir uns davor zu fürchten anfangen, soll erreicht werden. Da aber noch dem Grundgesetz Geltung zugestanden wird, sollten wir keine Furcht haben. Das klingt natürlich ein bißchen so, wie es klingt, wenn Leute durch den finsteren Wald gehen und singen.

2 Der gute Deutsche

Also: der Widerstand. Im Hinblick auf den 20. Juli geht etwas um uns herum. Und zwar: ein Gespenst geht um: der gute Deutsche, der anständige, der sittlich hochstehende. Ihm allein sei alles zu verdanken, was die Nation groß gemacht habe, von BlSMARCK bis zu GERSTENMEIER. Auch Herr BRANDT nimmt den anständigen 'Deutschen' für sich persönlich in Anspruch. Und was die Nation in ihren sogenannten schwersten Stunden besonders groß gemacht habe: eben Widerstand gegen HITLER geleistet zu haben, sei auch das Werk der anständigen, sittlich hochstehenden Deutschen. (Im übrigen verwende ich für eine solche Nomenklatur nur Zitate, damit man sie nicht nur für eine böswillige Unterstellung halte.) Wer nicht allein schon durch eine solche Kennzeichnung diskriminiert ist, wer es zuläßt, sich auf so besonders ehrenvolle Weise, als anständiger Deutscher, auszeichnen zu lassen, dürfte kaum wissen, was Widerstand zu leisten heißt. Und unserem pflanzenschützenden Gärtner ist das auch ein Synonym für anständig und sittlich hochstehend. Wer sich mit dem historischen Moment des Widerstands am 20. Juli 1944 beschäftigt, und zwar in einer anderen Form als einer Lorbeerfeier, ist von vornherein nicht anständig und steht sittlich tief. Man verdächtigt ihn der Illoyalität, des versuchten Umsturzes, des Rufmords, wie dessen etwa der Literat GRAETZ verdächtigt wurde, dessen Stück über den 20. Juli bis heute nicht aufgeführt worden ist.
Wer immer heute wie auch immer Widerstand zu leisten versucht, darf sich demzufolge nicht auf das sanktionierte Modell des Widerstands vom 20. Juli berufen, weil ganz klar ist, daß Studenten oder Gammler oder Herumtreiber oder Intellektuelle nicht anständig und sittlich hochstehend sein können; denn wären sie es, so würden sie natürlich keinen Widerstand leisten.
Die Bundesrepublikaner wehren sich dagegen, daß man bereits den Tatbestand '20. Juli' als historischen, also kritisch abhandelt. Sie sind darauf bedacht, diesen Fall als ganz einmalig in einer ganz einmaligen Situation zu sehen, der nur in einer genauso einmaligen Situation als Modell betrachtet werden darf. Diese genauso eintretende Situation wird es natürlich nicht geben. Widerstand zu leisten, schränkt sich für diese Bürger ein auf das, was konkret am 20. Juli geschehen ist. Und da es nun einmal schon geschehen ist, kann niemand Anspruch darauf erheben, nochmals Widerstand zu leisten.
Bezeichnend ist, daß diese Bürger nicht einmal für Vorgänge in der DDR vor vielen Jahren den Begriff Widerstand verwandten, denn das hätte bedeutet, eben die Möglichkeit der erneuten Tatbestandserfüllung zu konstatieren.

3 Merkmale des 20. Juli

Wer aber Widerstand leistet gegen die approbierten Auffassungsweisen des Widerstands vom 20. Juli, kann für sich nicht in Anspruch nehmen, berechtigt Widerstand zu leisten, weil eben Widerstand das heißt, was am 20. Juli geschehen sei. Und damals ist eben so Widerstand geleistet worden, daß zum Widerstand leisten erstens gehört, daß der Widerstand scheitern muß; zweitens, daß es dabei nur um Leben oder Tod, also um Tod gehen kann; drittens, daß die Tat sich nur als Korrektur erweist an leider durch Perversionen und Grausamkeiten entstellten, aber an sich richtigen Erscheinungsformen des Volkswillens. Denn Widerstand ist nur legitim, so sagt man, wenn er sich gegen solche grausamen Verkehrungen richtet, um wiederherzustellen, was vor solchen grausamen Abweichungen bestanden hat. Und hier beginnt es für unsere Betrachtungsweise im Hinblick auf unsere Mitbürger kritisch, und das heißt auch heute noch gefährlich zu werden. Denn es läßt sich nicht vermeiden - und warum sollte es auch vermieden werden, wenn nicht aus Furcht vor Repressalien - es läßt sich nicht vermeiden zu konstatieren, daß sich die Vorstellungen der Widerstandskämpfer in einem gewissen Umfang auf solche Wiederherstellung ausgerichtet haben, das heißt, daß sie zutiefst reaktionär waren.
Der einzige Beteiligte, der sich nachweislich darüber im klaren gewesen ist, scheint Ulrich von HASSEL gewesen zu sein. Nun soll daraus den anderen kein Vorwurf gemacht werden; der Vorwurf muß uns gemacht werden, die wir bereit sind, durch die immer wieder vertretene Auffassung vom Widerstand gerade das aus der Welt zu bringen, was dieser Widerstand vom 20. Juli allein mit anderen gemeinsam hatte, nämlich das Moment der Tat - wie immer sie auch ausgesehen haben mag und wie schwächlich sie auch immer gewesen sein mag.
Und gerade das will man nicht wissen, denn darin läge ja der Modell- oder Beispielcharakter des Geschehens, während der nicht gegeben ist, wenn man nur die besonderen Umstände und Begründungen dieses Ereignisses als einmalig gelten läßt, und das auch nur unter Zwang und Druck von außen.

4 Die Erben des Widerstands

Die Widerstandskämpfer haben in ihrer Regierungserklärung in einem Hauptpunkt "der Lüge des Regimes den Kampf angesagt". Dieses Ziel für Handeln glauben die Bundesbürger in die Öffentlichkeit der Machtausübung in der Bundesrepublik jetzt vermittelt zu haben. In der DDR hingegen herrsche die 'Lüge des Regimes'. Hier bei uns gebe es keine Dunstglocke der öffentlichen Propaganda, unter der die Willens- und Meinungsbildung der Bürger verkümmere oder verdunkelt werde. Und jetzt bitte mal aufpassen: bei den Widerstandskämpfern heißt es in der Regierungserklärung:
"Der Lüge sagen wir den Kampf an. Die Sonne der Wahrheit soll ihren dichten Nebel zerstreuen. Unser Volk ist in der schamlosesten Weise über seine wirtschaftlichen, finanziellen und politischen Ereignisse belogen worden. Die Tatsachen werden festgestellt und bekanntgegeben werden, so daß sie jeder Einzelne nachprüfen kann. Es ist ein großer Irrtum anzunehmen, daß es einer Regierung gestattet sei, das Volk durch Lügen für ihre Ziele zu gewinnen. Gott kennt in seiner Ordnung keine doppelte Moral. "
Einen halben Absatz vor diesem Zitat steht in derselben Regierungserklärung, wie auch leider an vielen anderen Stellen dieser Erklärung: "Wir wissen, daß viele aus Idealismus, in Erbitterung über das Diktat von Versailles und seine Auswirkungen und über manche nationale Unwürde in die Partei eingetreten sind. Alle Deutschen, die deutsch fühlen und handeln, gehören zusammen."
Was anderes, ich bitte Sie, ist die Redeweise vom Diktat von Versailles, von den nationalen Unwürdigkeiten, vom entehrten deutschen Namen als eine Lüge, der man angeblich den Kampf angesagt hat und die auch nicht gerechtfertigt ist, wenn man sie in diesem Fall bloß ausgesprochen hätte, um beim Umsturz die deutschen Normalhirne für sich gewinnen zu können, also wenn die Widerstandskämpfer nur gelogen hätten, um die Deutschen für die gute Sache des HITLERsturzes zu gewinnen?
Sie selbst haben ja das als verboten bezeichnet, weil Gott keine doppelte Moral kenne. Aber den lieben Gott wollen wir hier besser aus dem Spiel lassen. Dann stellt sich eben doch der Verdacht ein, daß es sich bei dieser Konstatierung der Moral um eine andere Sache handelt.
Also wir sagen: diesen Kampf gegen die vernebelnden Propagandatechniken, gegen die Lügen halten die Bundesrepublikaner für ihr Erbe des Widerstandes. Und zwar so sehr (da haben sie ja auch recht und lassen den Widerstand dann für sich verbindlich sein), daß sie nun zwar nicht das Diktat von Versailles übernehmen, aber doch die Lüge von der deutschen Teilung, die Lüge von der Wiedervereinigung im Rahmen eines Nationalstaates. Sie geißeln die Verneblung der DDR-Deutschen durch die totalitären Machthaber dort, und sie belügen das Volk hier selber darüber, daß es niemals eine Wiedervereinigung geben kann, daß die Teilung Deutschlands nicht das Resultat eines brutalen Siegerwillens ist, sondern das der deutschen Geschichte.
Sie sagen als würdige Rezeptoren des Widerstands vom 20. Juli der Lüge den Kampf an und belügen sich selbst mit der Forderung nach den Grenzen von 1937 oder 1939 oder wie immer.
Sie sagen der Lüge den Kampf an und wissen, daß sie lügen, wenn sie der Lüge den Kampf ansagen, denn sie glauben zu wissen, daß infolge ihres Kampfes gegen die Lüge das Volk nur dem ein Mandat erteilt, der es belügt.
Denn nur von der Lüge lebt das, was Wiedervereinigung genannt wird, Wiederherstellung, Wiedergutmachung, weil man es nicht aushält zu erkennen, daß sich nichts wiedergutmachen, wiedervereinigen läßt und vor allem niemals lassen darf, damit wir nicht schnellstens wieder da landen (und hier ist das tatsächlich berechtigt, dankbar zu sein für das, wogegen ein paar Leute Widerstand leisteten. Stellvertretend natürlich).
An dieser Stelle sollten wir eines Widerstandskämpfers gedenken, der erst vor kurzem gestorben ist und dessen Motivation für diesen Widerstand wir gar nicht betrachten wollen, dessen durch Widerstand aber erreichten Resultate unser aller dankbare Beachtung verdienen. Dieser Widerstandskämpfer heißt Konrad ADENAUER. Er hat seinen Widerstand in den Jahren 1952/53 geleistet, als es ihm möglich gewesen wäre, sich durch die Bereitschaft der Russen als Stifter der deutschen Wiedervereinigung den Ruhm der Nation auf den Hals zu holen. Er hat das abgelehnt und holte sich das Geschrei gerade der Leute auf den Hals, die Grips genug haben, um daraus ihren Anspruch abzuleiten, uns alle zu belehren: der Herren AUGSTEIN etwa, ENZENSBERGER oder GRASS und all der Trommler der Wiedervereinigung, die der Exekutive immer nur vorwerfen, sie tue nicht genug für die Wiedervereinigung, sondern rede nur.
Gott sei Dank hat die jeweilige Regierung immer nur geredet. Denn es wäre schlechthin kriminell zu nennen, wenn jemand ernstlich darangehen wollte, die Wiedereinrichtung Deutschlands auf der Basis des Nationalstaates zu verwirklichen: Völkerhetze, Aufforderung zu töten, Terror der Neofaschisten wären die Folge unmittelbar.
ADENAUERs Größe liegt in der konsequenten Liquidation des BISMARCKschen Reiches, dessen tatsächliche'Liquidation durch den 2. Weltkrieg die Deutschen ja nur als eine vorübergehende Panne, als durch Waffengewalt aufgezwungene, verstehen wollen.
Auch bei ADENAUER geht es uns nicht um die persönliche Motivation oder Disposition. Da würden wir bei Entdeckung eines gut Teils an separatistischer Rheinbundmentalität bald den Kopf schütteln. Es geht uns um die Rezeption des Tatbestandes, darum, wie wir diesen Tatbestand als geschichtlichen begreifen, ohne aus ihm nur immer neue Lamentos gegen unsere Mitmenschen abzuleiten.
Beim Tatbestand des 20. Juli kann es uns nicht darum gehen, was z.B. einer der Beteiligten so sagte: "damit hat für mich Gott das Urteil gesprochen." Uns geht es nicht darum, daß ein anderer der Beteiligten vor FREISSLER sagte: er sei "gegen den Führer treulos geworden". Uns geht es nicht darum, daß ein anderer nach fehlgeschlagenem Attentat sagte: "ja, wenn das Schwein (HITLER) tot wäre, dann würde ich den Befehl erteilen." Immerhin wurde aus den Pfoten dieses Schweines, so müßte man wortgetreu fortfahren, merkwürdigerweise doch Eichenlaub und Beförderung, Orden und weiß der Teufel was alles entgegengenommen.

5 Uns geht es nicht darum …

Uns geht es nicht darum, daß ein anderer die konstitutionelle Monarchie in Deutschland errichten wollte. Uns geht es nicht darum, daß ein anderer sagte: "England hat in diesem Krieg noch überhaupt keine Verluste von Bedeutung hinnehmen müssen. Wenn wir, womit wahrscheinlich zu rechnen ist, die Invasion zurückschlagen, dann wird England aufgrund dieser Verluste zur Verhandlung bereit sein." Uns geht es nicht darum, daß die Widerstandskämpfer in ihrer Mehrheit etliche durch HITLERpolitik angeschlossene Gebiete nicht preisgeben wollten, auch nach dem Sturz HITLERs nicht.
Uns geht es nicht darum, daß einer von ihnen über seine Motive sagte: "Wenn man nach gewissenhafter Prüfung zu der Überzeugung kommt, daß man den Krieg nicht gewinnen kann, dann muß man Widerstand leisten" usw., daß hingegen, so muß man folgern, der Widerstand hinfällig wird, wenn der Krieg zu gewinnen wäre.
Uns geht es nicht darum, daß wir sagen: "Gott hat das Urteil gesprochen", oder sagen: "wie durch Gottesgericht traf FREISSLER während eines seiner Schandprozesse ein herabstürzender Balken", oder die beteiligten Widerständler in ihrer Persönlichkeit kennzeichnen als "im 1. Weltkrieg achtmal verwundet" (als wenn einer, der nicht verwundet worden oder nur fünfmal, ein anderer Mensch sei), oder daß wir von ihnen sagen,
"er war eine soldatisch geprägte Persönlichkeit von Schwung und besonderer Tapferkeit";
"er war eine der bedeutendsten Führerpersönlichkeiten";
"er war ein tüchtiger Soldat, der über gründliche und umfassende Panzererfahrung verfügte ... "
"nach Charakter, Haltung und politischer Einsicht war er eine besonders wertvolle Führerpersönlichkeit ... " ,
"er war ein kampferfahrener, frontkundiger Oberbefehlshaber ... "
"er war im Westfeldzug 1940 rühmlich hervorgetreten ... "
"in seinem Verband führte ROMMEL den berühmt gewordenen Stoß seiner Gespensterdivision"
oder
"er war nüchtern, energisch, raschzufassend, persönlich tapfer und hart gegen sich selbst, seine Truppe nannte ihn nur den klugen Fritz"
oder
"der Widerstandskämpfer kämpfte für Anstand und Sauberkeit .. "
(wie übrigens die Aufrufe und Erklärungen der Widerstandsleister allesamt nur so wimmeln von 'Anstand und Sauberkeit').
Uns kann es nicht darum gehen zu kritisieren, was von ihnen etwa so ausgedrückt wurde: "Dem Christentum verdanken wir den Aufstieg der weißen Völker, verdanken wir die Fähigkeit, die schlechten Triebe in uns zu bekämpfen." Aber wir sind dagegen allergisch zu sagen, der Widerstand habe im Namen des Christentums gehandelt und sei dadurch gerechtfertigt, weil wir dem Christentum die Möglichkeit zur Unterdrückung der schlechten Triebe verdanken und die Überlegenheit der weißen Rasse.
Uns soll nicht kümmern, daß die Regierungserklärung der Widerstandskreise sagt: "Das Eigentum ist Grundlage jeden wirtschaftlichen und kulturellen Fortschritts, sonst sinkt der Mensch allmählich zum Tier herab." Aber wir können nicht bereit sein zu sagen: "wer Widerstand leistet, kann das nur tun, wenn er das Eigentum als Basis des Fortschritts schützen will, weil sonst der Mensch zum Tier herabsinkt". Es ist gleichgültig, daß sie geschrieben haben: "Das Leben ist nur gesund, das unseres Volkes, wenn die Familien wieder gesund sind. Und daß die Bildung der Jugend wieder eine allgemeine, eine Herz und Verstand umfassende sein muß, daß sie im Volke wurzeln muß."
Aber wir lassen es uns nicht gefallen, wenn sie immer wieder behaupten, der Widerstand sei da zu leisten, wo die Bildung nicht im Volke wurzelt, und sei nur gerechtfertigt, wenn wir damit die Herstellung eines gesunden Familienlebens erreichen wollen.
Es ist uns gleichgültig, läßt uns höchstens Bedauern empfinden, wenn die Widerstandskämpfer sagen, daß sie beileibe nichts umstoßen wollten, was sich bewährt habe.

6 Aber …

Aber es ist eine Unverschämtheit, uns vorzuhalten, Widerstand sei nur dann erlaubt, wenn er sich nicht gegen etwas richte, was sich bewährt habe. Unter dem Gesichtspunkt der Nazis hatte sich alles, wogegen die Widerstandskämpfer kämpften, bewährt.
So läßt sich schließlich das Recht auf Widerstand in jedem Fall zunichte machen. Für die etablierte Macht in der Bundesrepublik hat sich die Mauer in Berlin bewährt.
Sollten die Studenten also nicht das Recht haben, Widerstand gegen die Mauer als Repressalie zu leisten, und gar gegen bewährte Mitarbeiter der Machtträger, gegen bewährte Polizeipräsidenten, gegen bewährte Bürgermeister, gegen bewährte Leitartikler, gegen bewährte Minister, Professoren, Direktoren? Gegen bewährte Polizeipraktiken zur Zerstreuung der Demonstranten? Ist Widerstand da nicht erlaubt, weil der Widerstand treffen würde, was sich bewährt hat?
Die Widerstandskämpfer schrieben, daß sie beileibe nicht gegen legitime Staatsgewalt, sondern nur gegen einen Usurpator kämpften, dessen Sturz die Wiederherstellung echter Ordnung und einer anständigen Staatsgewalt ermöglichen sollte. Sie sagten, daß sie die Rechtfertigung für ihr Tun in ihrer eigenen Brust trügen als Verantwortung dafür, daß nun Tausende täglich fielen, Städte brennten, die Front der Heimat tagtäglich näher rücke. Und daß es nun nicht länger vertretbar sei, dilettantische Führerbefehle hinzunehmen. Das sind zum Teil mechanische Reflexe auf die eingeübten Gesten, Nachplappern, Verkümmerung des Kopfes und der Zwang, sich in einer so besonderen Situation überhaupt noch ausdrücken zu müssen. Das geht uns nichts an. Das sind nicht die Aspekte unseres Interesses an der Widerstandsbewegung. Aber wir wollen uns dagegen zur Wehr setzen, daß man nur Widerstand leisten sollte, wenn "die eigenen Heimatgenossen ans Messer geliefert" werden, wenn "durch Leichtsinn das Gewonnene verspielt" wird. Solange hingegen nicht dilettantische, sondern geniale Befehle kämen, müßte man sie ausführen.
Es ist z.B. auch nicht mehr als eine Privatsache des Herrn GERSTENMAlER, was er damals gesagt und gedacht hat als Ausdruck seines Widerstands. Aber es darf nicht gleichgültig bleiben, daß GERSTENMAlER sich nach von anderen vollbrachtem Widerstand hinstellt und behauptet, Widerstand zu leisten heiße, von einer anderen Ordnung staatlichen und volkhaften Lebens zu träumen. GERSTENMAlER hat niemals widerrufen, in der Bundesrepublik gesagt zu haben: "Es ist kein Sakrileg, wenn man das Grundgesetz nicht nur im Blick auf die Wiedervereinigung Deutschlands als Provisorium betrachtet, sondern auch im Blick darauf, daß es bei allem redlichen Willen zur Rechtsstaatlichkeit und einigen beträchtlichen Verbesserungen gegenüber Weimar doch bei weitem noch nicht die Ordnung unseres staatlichen und volkhaften Lebens darstellt, die sich unzählige Deutsche vielleicht gerade deshalb so wünschen, weil sie selber keine präzise Lösung dafür vorschlagen können. Die Schaffung einer deutschen Verfassung im Rahmen eines europäischen Bundespakts, zu der das deutsche Volk in Ehrfurcht vor dem Recht und in der Liebe zum Frieden als zu seinem Eigenen, ihm Gemäßen 'Ja' sagen kann, das ist das Vermächtnis des Widerstandes des Kreisauer Kreises."
Man sollte es zweimal lesen, weil man sonst glaubt, man hätte geträumt.
Wenn GERSTENMAlER das nicht als Sakrileg gewertet wissen will, dann ist es wohl auch keines, wenn wir uns herzlich für diese Überlegungen als Leistung des Widerstandes bedanken, und zwar insofern, als das nicht zu Zeiten des Widerstandes geäußert worden ist, sondern nach Etablierung der Bundesrepublik.
GERSTENMAlER sagt, daß das Feld des Kreisauer Kreises das Feld des Gedankens gewesen ist, den wir eben gehört haben. Als Formulierung zur damaligen Zeit wäre das nicht von Interesse für uns. Aber es ist eine Formulierung, die aus den Tagen der Bundesrepublik stammt und sich als Autorität ausweist, weil sie von einem stammt, der wieder dabei ist. Als Bestandteil des damaligen Umstands wäre es auch gleichgültig, die folgende Bemerkung GERSTENMAlERs zu zitieren: "Bis wenige Monate, ja vielleicht bis kurz vor dem 20. Juli war für die Kreisauer nicht klar, ob dieser Tag X der Tag des Staatsstreiches oder des Zusammenbruchs sein werde. Im Unterschied zu anderen Deutungen meine ich", sagt GERSTENMAlER, "daß die Kreisauer eigentlich immer den Staatsstreich im Auge hatten, denn die hinterlassenen Dokumente setzen zu ihrem vollen Verständnis den geglückten Staatsstreich voraus."
Das sind aber eben nicht Gedanken, die damals formuliert wurden und deshalb uns nicht aufzuregen brauchen, sondern Formulierungen nach der Etablierung GERSTENMAlERs in der Bundesrepublik.
Wir müssen uns wehren, Widerstand in solcher Form im Feld des Gedankens anzusiedeln, dem dann eine Meinung korrigierend untergeschoben wird.
Ein weiteres, auch von einem Überlebenden, auch in der Bundesrepublik formuliertes Beispiel, deshalb gespenstisch, makaber, geradezu unverständlich. "Wer selbst eine Waffe getragen und angewandt hat", sagt der verehrenswerte Fabian von SCHLABRENDORFF in 'Offiziere gegen Hitler', "weiß, wie schwer es ist," (nein, er sagt, wie schwierig es ist) "einen anderen Menschen aus dem Handgelenk totzuschießen. Stellt sich dagegen die Tötung als eine Affekthandlung dar, so ist die Schwierigkeit geringer, als wenn man mit kalter Berechnung daran geht, einem anderen Menschen das Leben zu nehmen."
(Einem anderen Menschen das Leben zu nehmen: man pflegt also in einem Krieg niemals dergleichen zu tun, sondern vollzieht eine Affekthandlung.)
"Auch der Jäger ist vom Jagdfieber erfaßt, wenn er das ersehnte Stück Wild in den Bereich seiner Schußwaffe ziehen sieht. Um wieviel größer ist die innere Erregung, wenn man unter Überwindung tausendfacher Schwierigkeiten mit Einsatz des eigenen Lebens in unübersehbarer Gefahr des Mißlingens zur Waffe greift, um eine Tat auszuführen, von deren Gelingen oder Mißlingen das Schicksal von Millionen abhängt."
Nun, ich habe noch nicht eine Waffe getragen und sie nicht angewendet. Ich habe auch noch nicht die Erregung gespürt, die einen Jäger befällt, wenn er das ersehnte Wild in den Bereich seiner Schußwaffe ziehen sieht. Ich könnte mich auch nicht darauf einlassen, im Massentöten als Affekt eine Erleichterung zu verspüren.
Für mich erweist allein der Hinweis auf den Jäger Herrn Waffenträger SCHLABRENDROFF in aller Form als absolut unqualifiziert, ein Gesprächspartner über Widerstand zu sein. Aber der Text geht noch weiter. SCHLABRENDORFF gibt Überlegungen zum Attentat wieder: "So lehnte der 30jährige Oberstleutnant von BOESELAGER, der wegen Tapferkeit vor dem Feind mit Ritterkreuz, Eichenlaub und Schwertern ausgezeichnet worden war, das entsprechende Ansinnen mit dem Hinweis ab (nämlich HITLER zu töten), er könne so etwas nicht - traue sich aber zu, mit dem von ihm geführten Regiment das Hauptquartier HlTLERs zu nehmen."
Achten Sie bitte auf die Einzelheiten dieses Widerstandsmodells: tapfere Männer, mit Ritterkreuz und Brimborium ausgezeichnet (natürlich vom Führer mit Handschlag) haben sich da an den Widerstand gemacht. Was ist das für eine persönliche Tapferkeit vor dem Feind gewesen, die jemanden unfähig macht, nach so vielen Tötungen, die fürs Ritterkreuz reichten, HITLER erschießen zu können?
Nun, da heißt es ja auch, daß er so etwas nicht gekonnt habe, so etwas Unaussprechliches, so etwas gegen den persönlich geleisteten Eid an einem Mann, den schon BECK 1938 wegen seiner Geistesverfassung gefangensetzen wollte.
Und von dem die Widerständler als von "Dem Bösen" schlechthin gesprochen haben, dem sie den Eid dennoch leisteten und hielten.
Es ist zu vermuten, daß die Auszeichnungen eben nicht für persönliche Tapferkeit, auf die so ausdrücklich hingewiesen wird, vergeben wird, vergeben wurde, sondern für Taten als Affekthandlungen des Regiments. Und die nicht ausgezeichneten Soldaten sollten nun auch das Hauptquartier mitsamt HITLER im Affekt stürmen, damit die Affekthandlung gesichert sei. "Ein anderer", schreibt SCHLABRENDORFF, "glaubte aufgrund christlicher Überzeugung es nicht verantworten zu können, durch ein von ihm ausgeführtes Attentat vielleicht auch Menschen aus der Umgebung HlTLERs zu töten."
Noch einmal sei betont: das sind Bemerkungen über das, was Widerstand zu sein hat; nach dem Kriege geschrieben; und deshalb muß man sich entschieden verbitten, in den Gedanken des Widerstandes die Rechtfertigungen christlicher Überzeugung einzubeziehen. Was war denn von der christlichen Überzeugung des Besagten bei den Tötungen im Felde übriggeblieben? Wurden in der Umgebung von einem Oberstleutnant keine Menschen getötet, und zwar nicht nur vielleicht?
Wenn ein einziger der Beteiligten sich vor Abfeuern eines Gewehres im Kriege solche Gedanken gemacht hat, sei er um Verzeihung gebeten. Da nach den Dokumenten offensichtlich alle Offiziere solche Gedanken als zu ihrem ureigensten Wesen gehörig verstanden, ist unerfindlich, wie bei soviel christlichem Gewissen so viele steile Laufbahnen von den Beteiligten im Militär gemacht werden konnten, daß man sich angewöhnt hat, von ihnen als der Elite der Nation zu sprechen, sobald vom Widerstand die Rede ist.

7 Widerstand als Verpflichtung

Aber: sollten tatsächlich die Gesten, Sprachformen, Absichten, Bedenken, Überlegungen, Konflikte der Widerstandskämpfer des 20. Juli so beschaffen gewesen sein, wie sie uns überliefert sind, und wie ich sie hier angedeutet habe: es gäbe für uns kein anderes Ziel bei solchen Feiern, als sie zu rühmen; denn schließlich haben sie etwas getan; und in seinem Sinne etwas zu tun, ist den Deutschen ja selten genug (eigentlich nur zweimal in ihrer Geschichte) gegeben gewesen. Dieser Ruhm ist ungestört, denn schließlich haben sie das Attentat auch dann noch gewagt, als sie es längst für sinnlos ansehen mußten und ansahen. Für uns ist es besonders wichtig, daß erst gehandelt wurde, als alles schon zu Ende war, denn sonst hätte sich die unglaubliche Lüge von der Dolchstoßlegende wiederholt, und wir säßen heute ganz sicherlich schon wieder im Gefängnis. Wiedergefängnis wäre dann der entsprechende Terminus. Und der HITLER hätte nicht nur ein Mausoleum in einigen Schwachköpfen, sondern auch eines in Stein.
Wir sollten es uns versagen, diese Männer zur moralischen Rechtfertigung unseres heutigen HandeIns in Anspruch zu nehmen und ins Feld zu führen - sonst landeten wir bei etwas ähnlich Entsetzlichem wie SCHLABRENDORFF oder bei so etwas wie den Reden auf den Treffen schlesischer Heimatvertriebener oder bei Debatten, wie sie GERSTENMAlER mit Schülern in Berlin führte, oder bei der Forderung nach atomarer Bewaffnung der Bundeswehr oder bei der nichtdemokratischen inneren Struktur der Parteien oder bei Kommentaren der Nationalzeitung und anderer, die dann zu Recht ihre Redensarten vom Eidbruch verbreiteten, wenn die beteiligten Widerständler sich selber als Eidbrüchige betrachten. Die Widerstandskämpfer werden uns aber dadurch eine Verpflichtung zum Handeln immer gegenwärtig halten, daß sie gegen sich selber antraten, sie waren selber beteiligt an dem, was sie durch den Widerstand abbrechen mußten. Wir waren daran nicht ausschließlich aus Gründen des Jahrgangs beteiligt. Und die Bundesrepublik sollte daran nicht beteiligt sein, weil sie ein neuer Staat ist, für den die Tatsache, daß er ein deutscher ist, überhaupt keine Rolle mehr spielt. Ja, man muß sogar verstehen, wie weitgehend heute dieser Widerstand von Systemen ganz offen herausgefordert wird, um potentielle Gegner bloßzustellen. Und wie in einigen Systemen dem Widerstand Andersdenkender sogar vorsorglich Raum gegeben wird, wodurch der Widerstand als Bestätigung des Herrschaftsanspruches erscheint, als Legitimation der Herrschaft, die solchen Widerstand als Widerspruch nicht nur duldet, sondern sogar fördert. Das ist bei uns heute weitgehend der Normalfall. Da kann für Interessen der Widerspruch als deren Negation kalkuliert werden. Auf diese Weise verkam der Widerspruch in der Bundesrepublik in den vergangenen fünfzehn Jahren zum mechanischen Reagieren. Und die, welche nichts anderes sich vorzustellen vermochten als Aktion, sahen sich jeweils bei ihrem Widerspruchsgeist gepackt wie die Marionette beim Faden. Jede Opposition wurde einer angebotenen Position als Verstärkung zugesellt. Die Regierung konnte jeweils die Opposition gleich selber mitliefern, weil die wirkliche nur so reagierte, wie es die Regierung ja bereits vorhergesehen hatte; prächtiger Ausweis der Richtigkeit und Ausgewogenheit ihrer Urteile, ihrer Handlungen und Entscheidungen.
Es gilt offenbar, den Widerstand auf die Gründe seiner Folgenlosigkeit zu befragen und vor allem andere Formen der Aktionen zu entwickeln.
Der Hauptgrund des Scheiterns liegt darin, daß wir zu sehr in unserem Begriff vom Widerstand geprägt sind durch das Modell, das der Ausgangspunkt unserer heutigen Gedanken ist, und daß wir deshalb fortlaufend in Konkretismen, zu deutsch: Verdummungsformen verfallen. Widerstand ist für uns geprägt durch das positive Gegenbild, dem wir durch Widerstand zur Durchsetzung verhelfen wollen. Da sich dieses Gegenbild oder diese Utopie oder Realantizipation oder entwicklungsgeschichtliche Notwendigkeit oder Gesetzmäßigkeit usw. aber nur im Widerspruch zum Bestehenden gebildet hat, ist es nicht brauchbar dafür, diesem Bestehenden abzuhelfen. Je stärker wir die Gegenbilder gegen das Bestehende behaupten, desto mächtiger wird das Bestehende. Wir verhelfen ihm zur Ausbildung seiner Behauptung und Rechtfertigung, indem wir es zwingen zur Behauptung und Rechtfertigung gegen unseren Anspruch.
Indem wir uns in unseren Aktionen direkt an das Mächtige, Bestehende binden mittels Widerspruch, bestätigen wir ihm seine Positivität, der Widerspruch wird zur Affirmation, zur Bestätigung.
Das heißt, wir wissen nicht, was wir tun, und können leicht abgefertigt werden mit der Bemerkung, daß, wer nicht weiß, was er tut, auch nicht weiß, was er will. Und dann werden auch die Einsichten knieweich, wenn ihnen grinsende Funktionäre die Darstellung und den Ausdruck ihres Willens als erneute Positivität abverlangen. Durch solche Erfahrung eingeschüchtert, sind sie von vornherein auf eine solche Begegnung aus. Und das Resultat in seiner wohl kläglichsten Form dieses Halbjahres, die der Widerständler Kurt NEVERMANN laut Pressebericht sprach: MARCUSE hätte uns eine positive Utopie aufzeigen müssen. Das ist das Ende von etwas, was so noch gar nicht angefangen hatte, was so noch gar nicht hat anfangen können. Es kann nur anfangen, wenn wir unseren Widerspruch aus der Technik des Widerstandes lösen und in eine der revolutionären Praxis überführen.
Der 20. Juli nicht als Widerstand, sondern als vollzogene revolutionäre Praxis, hätte beispielsweise so ausgesehen: da die Beteiligten wußten, daß sowohl die SS ohne HIMMLER als auch HlMMLER selber und unter Umständen - das ist nicht ganz zu beweisen - sogar HITLER sich bemühten, mit u.a. STETTINIUS, dem amerikanischen Außenminister, Kontakt aufzunehmen, hätten sie vor dem Volke die Absetzung der Naziclique damit begründen müssen, daß die höchsten Herren mit dem Feind kollaborierten.
Für uns klingt das natürlich chinesisch, und es ist es auch. Denn die Chinesen sind heute die einzigen, die wissen, was revolutionäre Praxis heißt. Die Grundbedingung dafür ist, daß man aufhört, die Dialektik zu ontologisieren, d.h. die Erkenntnis der Widersprüchlichkeit und der daraus folgenden Aktionen als in der Natur der Dinge begründet anzusehen, als die nur besser erkannte Realität der gegebenen natürlichen und herrschenden Gesetzmäßigkeiten.
Das aber ist das Resultat unserer so gerühmten Exegese der Dialektik von Frankfurt bis Kalifornien. Aber die ewigen Gesetzmäßigkeiten der Natur, auch als dialektische, belohnen das nicht. Sie lassen sich genauso mißbrauchen (vorausgesetzt, es gäbe sie) wie andere ewige Gesetzmäßigkeiten auch.

8 Affirmation als Strategie des Widerstands

Die Ontologisierung der Dialektik zur Naturgegebenheit und Gesetzmäßigkeit ist der fatalste Irrtum aller hier gepflogenen sozialistischen Theorien und Praktiken. Wir müssen endlich begreifen, daß es sich bei der Erkenntnis dialektischer Verlaufsformen um Techniken der Menschen handelt, und zwar um die bisher mächtigsten und leistungsfähigsten, die Menschen im Kampf gegen die Natur, auch gegen ihre eigene, entwickelt haben. In China z.B. haben das sogar die Gegner MAOs erkannt und mit Erfolg geübt: so hat LIU TSCHAO TSCHI in den Jahren des großen Sprungs die vorgesehenen Schritte, die er verhindern wollte, so übermäßig zu positiven Gesetzen werden lassen, daß sie in sich zusammenbrechen mußten, weil sie gegenüber der gesamten gesellschaftlichen Realität dominierten und alles unter ihren Anspruch zwangen. Der große Sprung konnte nicht getan werden. LIU hatte erreicht, was er wollte, indem er tat, was MAO wollte und zwar derart, daß MAOs Wille zur radikalen Aufhebung seines Ursprungs führte. Und umgekehrt verdanken wir heute den größten Teil unserer sozialen Fortschritte der Möglichkeit, daß wir die jeweils Herrschenden durch LIUsche Zustimmung dazu bringen, auf dem status quo zu verharren, nämlich ihrem Machtanspruch, denn diesem zufolge müssen die Herrschenden unvorstellbare Veränderungen vornehmen, damit sie unserer Behauptung ihrer Prinzipien folgen können, ohne ihre Prinzipien aufgeben zu müssen. Diese Prinzipien sollen uns wenig kümmern. Wir erkennen sie als Interessen ja auch an, wenn sie sich nur nicht getarnt, verschleiert präsentieren.
Wenn sich die Berliner Studenten aus dem fatalen Zwang zur Affirmation als Widerspruch lösen wollen, dann dürfen sie sich nicht auf positive Gegenbilder berufen und sich schubladieren lassen als Radikalinskis, Schwachköpfe, Pervertierte usw., sondern sie müssen zur revolutionären Praxis übergehen, und die bestünde darin, genau das zu tun, was ihnen Herr SPRINGER vorschreiben will, aber es in einem solchen Maße zu tun, daß Herr SPRINGER entweder zur Aufrechterhaltung des status quo der wirtschaftlichen Macht seine Basis verändern muß oder aber in seinem Anspruch durch dessen Radikalisierung und höchste Zustimmung zusammenbricht.
Wenn Axel SPRINGER zur Beseitigung der Schandmauer auffordert, so müssen also die Tausende der Studenten ihm sofort die Hände küssen, ihn loben, wie recht er habe, und ihm geloben, daß sie sofort zur Tat schreiten würden.
Ich möchte diesen Zug an die Mauer sehen, an einem halben Nachmittag wäre das Problem SPRINGER gelöst. Denn entweder wären die Polizisten gezwungen, diejenigen niederzuschießen, die die Mauer beseitigen wollen, nämlich die West-Berliner Studenten, oder andererseits müßte SPRINGER seine Aufforderung und sein ständiges Postulieren und Räsonieren über die Mauer, die weg muß, einstellen.
Auf der Basis des Widerstands als Widerspruch z.B. hat man es nicht fertiggebracht, den blödsinnigen Ehebruchsparagraphen abzuschaffen. Aber wir alle erinnern uns an den glorreichen Tag, als selbst die BILD-Zeitung eingestehen mußte, ein Richter habe rechtens gehandelt, als er einen Ehebrecher zu 32,50 DM Strafe verurteilte, weil ja alle Welt heute Ehebruch betreibe.
Revolutionäre Praxis in diesem Falle heißt: entweder die Gerichte zu überschütten mit Millionen von Anzeigen oder aber, wo immer sich eine Ehefrau bereit erklärt, den Ehebruch auch sofort zu vollziehen. Das ist offenbar, wie jenes Urteil zeigt, geschehen.
Wenn demnächst der selbstvergessene Gesetzgeber die Notstandsgesetze uns aufzwingen wird, seid freudig, stimmt zu, fordert die radikalste Praktizierung des Gesetzes, verlaßt die Schulen, Arbeitsplätze und Universitäten, drängt herzu, um, wo ihr geht und steht, den Notstand zu praktizieren, überschwemmt die Notstandscamps zu Tausenden mit der leidenschaftlichen Forderung: wir wollen den Notstand üben, wir wollen dem Gesetz entsprechen, wir wollen unsere geforderte Pflicht tun, denn niemand kann Sie wegen Gehorsamkeit gegenüber dem Gesetz verhaften.
Dies als einige Hinweise zu dem, was wir als revolutionäre Praxis verstehen, und was ich Ihnen auch in der Gediegenheit philosophischer Redeweisen hätte vortragen können. Allerdings befürchte ich, daß nicht alle sie verstanden hätten. Auch das gehört zur revolutionären Praxis: aufgrund eben doch ziemlich großer Anstrengungen zu lernen, dem Gegner im Wissen über seinen Sachkomplex, aus dem er handelt, und aus der Kenntnis darüber vorauszusein, damit kann man ihn durch Zustimmung dorthin leiten, wo er seinen Anspruch aufgeben muß, weil er sonst an sich selbst zugrunde ginge.
Zur revolutionären Praxis auf dem Wege der Ausbildung an Universitäten gehört nicht, was möglicherweise dort nicht gelehrt wird (wie die Berliner glauben und weshalb sie die Gegenuniversität gründen wollen), es wird ja dort gelehrt und wie, der Widerspruch ist ja doch schon von Ordinarius zu Ordinarius am Mienenspiel abzulesen.
Sondern: solche auf Veränderung Drängenden haben sich dessen, was dort (mit allem gleich, nur nicht mit sich selbst) gelehrt wird, so zu versichern, daß sie vermögen, das Gelernte an sich selber zugrunde gehen zu lassen oder zur Veränderung des Anspruchs zu zwingen.
Mit allem anderen sollte man sich nicht einlassen. Ich habe immer wieder erlebt, wie die angeblich affirmative Toleranz von seiten der Studenten in genau der Weise, die sie ihren Gegnern vorwerfen, angewendet wird. Und ich habe immer wieder erlebt, daß wir weit davon entfernt sind, von Toleranz in diesem von MARCUSE gemeinten Sinn sprechen zu können. Dem System ist sie noch lange nicht immanent. Eine Fahrt in einer vollbesetzten Straßenbahn gegen 17 Uhr genügt zum Gegenbeweis. Eine Begegnung mit Studenten als Publikum bei einem Ereignis meiner ästhetischen Praxis genügt mir. Ich möchte denen nicht in die Hände fallen, ebensowenig wie der Polizei. Es ist unverantwortlich von MARCUSE und seinen Adepten, den Begriff der Toleranz in den Herrschaftsmechanismus als Bestandteil seiner selbst einzuführen, als sei der ohnmächtige Widerspruch durch Toleranz der Herrschenden zur Ohnmacht verurteilt. Da decken die Gemeinten nämlich nur ihre Unfähigkeit zu durch die unverantwortliche Verwendung eines Begriffs, dessen Gelten sie durchzusetzen hätten, dessen Gelten sie aber in ihrer Aktion beschränken würde, weil sie unfähig sind. Und nicht umgekehrt.
Was es mit diesen Berliner Schauerstücken (und solche Kennzeichnung bezieht sich ausschließlich auf diejenigen, die vorgeben, legitimiert zu sein durch Techniken des Lernens) auf sich hat, zeigt doch die prompte Ausbildung eines Herrschaftsverhältnisses als Autorität, vornehmlich als die Autorität dessen, was einige Professoren sagen. So hieß es immer wieder, was MARCUSE geschrieben habe, sei ein Grund dafür, was sie täten.
Ob mit MARCUSE in der Hand oder mit der Bibel oder mit MAOs Worten oder mit dem 'Kapital' oder mit HEGEL oder mit sonstwas - es ist gleichgültig für eine Leiche, welcher Knüppel sie produziert hat.
Wenn wir in unserem Widerstand nur die als falsch erkannte Positivität durch eine neue ersetzen wollen, die wir für richtiger halten, dann werden sich bald als an einer erneuten Positivität unserer Vorstellungen die Widersprüche regen, die wir leicht gezwungen sein könnten, so zu verteidigen, wie wir es heute einigen Leuten vorwerfen, daß sie die ihre verteidigten.
Revolutionäre Praxis aber ist darauf aus, zum Prinzip der Beziehungen von Menschen untereinander die Veränderung und beständig vollzogene Veränderung aller Verhältnisse zu machen, so daß überhaupt keine Herrschaft von Menschen über Menschen mehr ausgeübt werden kann. Auch nicht im Namen der Wahrheit, vor allem nicht im Namen der Menschenliebe. Das hat nichts mit Bilderstürmerei, mit Revolution, mit Kriegen zu tun, sondern mit der Erkenntnis, gegen die Natur zu bestehen, die Natur als determinierende Kraft aufzuheben, sich im Leben und Handeln nicht motivieren lassen zu müssen, wie auch immer - Motivation als Ausweis der Rechtlichkeit des Anspruchs, keine von Menschen erzeugten Bedeutungszusammenhänge als wiederum natürliche anzunehmen, als verpflichtend, als repressiv.
Und das heißt, die Geschichte der Menschen nicht als Naturgeschichte mißzuverstehen, alle Ontologie zu zerbrechen, alle Wahrheit abzuschaffen.
Für die revolutionäre Praxis gibt es einen Prüfstein, eine 64.000-Dollar-Frage, die, wenn Praxis entstehen soll, eindeutig mit Ja beantwortet werden muß: Ist Dir klar, daß man vom Menschen erst dann wird sprechen können, wenn er unsterblich ist?
Wenn sein individueller Tod aufhebbar geworden ist? Vom Widerstand zur revolutionären Praxis, das ist der Weg von dem vergleichenden, messenden, räsonierenden, besserwisserischen, ehrlichen, ohnmächtigen Gegenbild und den Techniken seiner Hervorbringung zur ausschließlichen Gestaltung aller Verhältnisse als regulativer oder funktionaler, weil in allem nur eins wieder bezeichenbar ist, daß es sich nämlich ändern muß; solange, bis es gleichgültig wird, wie und ob sie sich noch verändern: und das wird erst gleichgültig sein, wenn die Menschen nicht mehr zu sterben brauchen.
Ich habe Ihnen zwei Formen der Praxis genannt: beide basieren auf der Zustimmung des Bestehenden in einem solchen Maße, daß erstens das Bestehende nur durch allergrößte Veränderungen hoffen kann, bestehen zu bleiben, oder zweitens der Grad der Zustimmung zum Bestehenden dieses zwingt, seinen Anspruch von selbst aufzugeben, will es nicht riskieren, in sich zusammenzubrechen, weil seine Geltung auch gegen sich selbst bis zur höchsten Spitze getrieben wurde.
Revolutionäre Praxis heißt also Zustimmung.
Und um diese Praxis zu üben, sollten Sie mir jetzt zustimmen!