Süddeutscher Rundfunk II

Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Des Kaisers kleinste Größe

Professoraler Vortrag, betulich und in der lächerlichen Gewichtigkeit des Eingeweihten

[BILD]
Zur Aufführung von 'Des Kaisers kleinste Größe', Stadttheater Basel, 1975: Des Kaisers nasse Hose; die indianischen Schöpfeimer; die Taue, mit denen die spanische Flotte vor die amerikanische Küste gespannt wurde, um die Kontinente Amerika und Europa wieder zu vereinigen; die Instrumente kaiserlicher Gelehrsamkeit, mit denen MAXIMILIAN höchsten Ortes seine Theorie des Kontinentaldrifts demonstriert; und schließlich MANETs Erschießungsszenarium als Vorlage für die Vollstreckung des Urteils an MAXIMILIAN. Der Erzähler versteinert sichtlich angesichts der Unmöglichkeit, ein vollzogenes historisches Geschehen zu wiederholen, um ihm eine andere Konsequenz zu geben. Das Publikum will diese Resignation nicht akzeptieren, strömt auf die Bühne und nimmt das Geschehen selbst in die Hand, um ihm doch noch einen anderen Verlauf abzutrotzen.

Der Schöpfer dieses unsterblichen Bildes mußte zu seinen Lebzeiten viel Kummer und Schmerz erdulden. Jene Herren, die vor Eröffnung einer Kunstausstellung darüber entscheiden, welche Bilder dem Publikum gezeigt werden dürfen, haben oft genug die Bilder Edouard MANETs zurückgewiesen. Doch wahre Kunst setzt sich allenthalben durch. Wie köstlich und erfrischend weiß MANET den Pinsel zu führen, wie komponiert er den Menschen als Einzelnen oder in Gemeinschaft in den Bildraum! Und bleibt dabei doch immer charmant, ein Liebhaber des Schönen und Freund der Menschen. So auch auf diesem Bild, meine Damen und Herren, einem strahlenden Beispiel höchster Kunst. Der Bildhintergrund zeigt eine Mauer, über die sich eine Schar fröhlicher und neugieriger Knaben beugt. Was wird geschehen? Sie sehen sieben Soldaten, prächtig anzuschauen in den farbenfrohen Uniformen der Jahrhundertmitte: weiß die Gamaschen, weiß die Koppel und Futterale, blutrot die Hosen, blau die Uniformjacken, jeder trägt in scharfem Kontrast eine schwarze Schirmmütze. Sechs der Soldaten bilden einen Halbkreis, einer steht abseits; offenbar der kommandierende Offizier, als welcher er durch seine besonders gut gemalte Mütze kenntlich ist. Den Soldaten gegenüber steht eine Gruppe von Zivilisten, drei Zivilisten, die sich gegenseitig an den Händen gefaßt halten oder vielleicht auch aneinander gefesselt sind. Zwei der Zivilisten tragen nur Hemd und Hose, der in der Mitte trägt auch einen sauberen Überrock und einen breitrandigen Hut, wie er allgemein in Südamerika getragen wird. Auch das grelle Sonnenlicht und die starken Schlagschatten scheinen darauf hinzudeuten, daß sich die Szene in einem südamerikanischen Land abspielt.
Nun, das Bild zeigt den sehr interessanten Augenblick, in dem eine Handlung bereits vollzogen wird, ihre Folgen aber noch nicht eingetreten sind. Die Soldaten haben also ihre großen und kräftigen Gewehre angelegt, und wir sehen nun deutlich, wie ...

Schüsse fallen, die dem Sprechenden die Worte vom Munde zu schießen scheinen. Redefetzen bleiben hörbar.

Sprecher, Historie referierende, nüchterne Stimme:
1867 war er in Queretaro eingeschlossen worden, nachdem er vergeblich versucht hatte, sich gegen die Übermacht der Republikaner zu wehren. Don Diego MENDESZ DE HARO, Marques deI Carpio, glaubte, mit siebenzehn Mann und einer Feldhaubitze den Kaiser entsetzen zu können, da ...

Schüsse wie oben

Die Dorfstraße war noch offen auf etwas über 50 Meter. Der Kaiser trat aus dem Winkelschatten zwischen der Capo Buer und einem angrenzenden Hühnerstall.

Sprecher, weiche nuancierte Stimme:
Er folgte der Straße in ihrem Verlauf und schien auf ihr wie in einem tragenden Medium dahinzutreiben, benommen, und schien dennoch angestrengt, sich geradeaus zu halten dorthin, wo ein freier Mann vor sich die Ferne als ein Ziel ausmacht. Hatte er sich doch rühmen lassen als ein Mann, der niemals anders denn geradeaus gehe, wenn auch zu vermuten steht, daß er sich zuvor so drehte und vermied, seinen Grundsatz durch die grausame Natur auf eine allzu harte Probe zu stellen. Er hatte das Geradeausgehen stets verstanden als die Vernichtung der Natur und des willenlosen Tieres, das sich durch die Büsche schlägt und seinen Pfad ins Verborgene legt.
War das eine Folge dessen, daß er jahrelang nur auf dem Wasser seinen Weg genommen hatte, über das sich die Erde nicht erheben konnte; ein Berg sich nicht brüstete; ein undurchdringlicher Wald nicht wuchs? Man glaubte ihm, was von anderen seines Schlages nur als kennzeichnendes Wort, als Witz den Leuten unterm Munde umging: daß er sich habe ausschiffen lassen in einer abgeschiedenen Bucht und, nachdem er sich vergewissert hatte, allein zu sein, aus dem Boote stieg, um übers Wasser zu wandeln. Auch im Gegensatz zu anderen seines Schlages hatte er jedesmal nach solchen Versuchen sagen können, daß jener erste auf schlammigem und höchst salzhaltigem Wasser bei Genezareth Wandelnde recht hatte und seine Behauptung richtig sei zumindest in Friedenszeiten ...

Schüsse wie oben

Sprecher:
hatte sich früh den fortschrittlichen Ideen verschrieben, oder etwa nicht, wenn er durch Wortes Kraft den Schustern befahl, die Schusterei zu revolutionieren in seiner hofamtlichen Untersuchung 'über die Zweckmäßigkeit des Eisenbeschlages an Schuhen der Zivilbevölkerung und über die Aufhebung der Bundschuhschnürung, da dieselbe abträglich jeglicher Circulation des Bluths'; und befahl den Bäckern, die Bäckerei zu revolutionieren; den Straßenbauern den Straßenbau, nachdem er Wegerecht zu Graz studiert und die Strategie NAPOLEONischer Truppenbewegung; dann den Bauern befahl, die Zucht des Gemüses und die Trächtigkeit des Viehs zu revolutionieren befahl - die Georgica wußte er allabendlich seinen Freunden aufzusagen, sprach den Trochäus mit leichtem Lippenanschlag vorn.
Und wenn er selbst sich früh auserkor zu herrschen, um den Regierenden Furcht zu machen, damit sie die Macht durchschauten und zu regieren besser verstehen würden ...

Einblendung Volksmassen mit frenetischem Beifall, dann Schießen wie oben

... und seiner kaiserlichen Mutter im Alter von dreizehn Jahren aus der Klosterschule schrieb, nachdem sie sich beschwert hatte, daß sich der eingesperrte Sohn seinem Schicksal und vor allem der Mutter Gottes nicht dankbar genug zeigte:

Sprecher, Knabenstimme:
Ich bin durchaus dankbar, wie ihr es verlangt. Aber zuviel so unterwürfigen Dankes ist wohl gleich unhöflich wie zuwenig. Gott sollte man sich nicht an die Frackschöße hängen, weil dadurch die Festlichkeit auf Erden gestört würde. Es scheint auch im Danke zu Gott Vorschriften zu geben, ein vernünftiges Übereinkommen, das man respektieren sollte. Zumal die Vorschriften einzuhalten ebenso einfach ist wie diese selbst. Sie lauten: Geboren werden, gebären machen, sterben. Ihr habt Euren Teil bis auf den letzten getan! Adieu!

Sprecher: Die Frau Mama und kaiserliche Gebärerin hatte zu sterben auch noch nicht angefangen, als er schon Kommandant, und zwar als Bruder des Kaisers, Kommandant der Flotte war, die sank. Er unter Einsatz seines Lebens, schwimmen konnte er nicht, hatte nach englischem Muster als Kapitän zuletzt das Schiff verlassen, um als einziger gerettet zu werden. Österreich besaß damals nur drei Kriegsschiffe. Der Verlust war also total. So kam es zu unschönen Auseinandersetzungen. Seine Mutter ohrfeigte ihn vor dem versammelten Kabinett, als er, noch in nassen Hosen, gleichsam im Beweis, daß. seine Flotte tatsächlich untergegangen war, zum Rapport erschien. Daraufhin habe ihm die kaiserliche Mutter die Kleider vom Leibe gerissen, vor allen Herren des Kabinetts, und geschrien:

Sprecherin, keifende Weiberstimme:
Marsch, in die Badewanne, Du wirst Dir noch den Tod holen, hinaus!

Sprecher:
Und zu den umstehenden, betretenen (?) Herren gewandt, habe sie hinzugesetzt, indem sie auf die Pfütze zu der Herren Füße wies:

Sprecherin, königliche Weiberstimme:
Schon als Kind ist er ins Wasser gefallen. Sein Problem bleibt das Meer. Wir werden es abschaffen müssen, um unseren Sohn zu bewahren. Ein Mann in nassen Hosen, Jesus, wir werden seine Hosen trockenlegen und die Marine abschaffen. Der Urlaub wird von nun ab nur noch in Ischl verbracht. Das gilt auch für Dich, Franzl! Guten Abend!

Sprecher:
Auch diese Mutter hatte den Spieß umkehren wollen. Aber das umgekehrte Ende des Spießes bleibt stumpf. Man kann auch in Ischl zur See fahren und auf dem Trockenen geradeaus rudern mit einer Prise Herbstwind im Taschentuch, genügend Speichel, um die Hand fest an den Riemen zu legen, und mit der Imagination eines großen Mannes, dem schon das Getier zu seinen Füßen so weit, so fern unten zu liegen scheint, als habe er seinen Kopf, den Hort der Sinnesempfindungen, zu den Geiern hinauf verlegt, als sei ihm die Birne zur Gondel des MONTGOLFIER geraten, und der noch auf sich selbst herabzuschauen scheint, wenn er lang hingestreckt auf dem Rücken liegt, wo er doch eigentlich sich durch langes und genaues Hinsehen ins Blau nach oben zu treiben scheint.

Sprecher, Technokratenstimmen, wie Wettermeldung:
Höhe?
Dreitausend Meter!
Windrichtung?
Südsüdwest!
Temperatur?
Minus 18 Grad!

Sprecher:
Kann unter solchen Angaben das Blau des Himmels leiden? Ist von dort aus jemand nicht mehr zu erkennen, der sich aus Gründen des Gehorsams gegenüber seiner kaiserlichen Mutter ausschließlich zu ebener Erde fortbewegen sollte oder besser noch gar nicht, weil der Mutter zufolge es keine Gründe dafür geben kann, sich überhaupt von der Stelle zu rühren?
Läßt die Höhe der Luft andere Männer werden, die, zum Abstieg gezwungen, auf ihre Schuhsohlen wie Steine auf die Erde plumpsen, geradezu vor die Füße des beratenden, über sie beratenden Kabinetts? Läßt die Tiefe der See Männer werden, die, zum Aufstieg gezwungen, wie warmes WalfIeisch stinken und zu Tran zerlaufen im triefenden Schoß einer mütterlichen Betthüterin?
Wird aber nicht auch in solchem Aufstieg und Fall ein Teil der Naturgesetze und ihrer herrschenden Gemeinheit eingeschränkt, wie Jesus die Herrschaft der Wunder einschränkte?

Sprecher:
Das Beispiel ist nicht aus der Luft gegriffen. Haus Habsburg war gut katholisch, das ist gerade soviel weniger als katholisch, daß Habsburg sich über die Gründe klar werden konnte, warum es nicht zum Protestantismus übertreten durfte, obwohl man so den Papst losgeworden wäre. Zwar hatte auch er, FERDINAND MAXIMILIAN, Bruder des Kaisers von Österreich, den allzu festen Glauben verloren - das gehörte dem berufenen Geist der Zeit an - seine Selbstachtung aber verlor er nicht.

Sprecher:
Nur so wird verständlich werden, warum, nach jenem Verdikt der kaiserlichen Mutter und Kaisergebärerin er seine sieben Lakaien und seinen Tanzlehrer zusammenrief, sie ansprach und sagte:

Sprecher, Stimme eines jungen Mannes, leicht dialektgefärbt, wienerisch:
Männer, Freunde, hört mich an! Schon als Kind pflegte ich meine Liebe zum Wasser täglich und spürbar zu zeigen, wenn das auch nur meinen Ammen bemerkbar wurde, die bei solchen Gelegenheiten meine Wäsche wechselten. Dann wurde ich Admiral und meine Flotte sank; heimgekehrt, noch naß in den Haaren, will mich meine kaiserliche Mutter auf immer trockenlegen. Seids net so fad, gehts, i muß was Großes leisten. Sagts mi nur woas, bittschön! Geh, ei bring miar Floschn, i hab aon Duast, was i möcht grad das Meer aussisaufen.

Sprecher:
Wir wissen natürlich nicht, ob bereits in dieser Stunde den Erzherzog FERDINAND MAXIMILIAN einer seiner Lakaien, vielleicht sogar sein Tanzlehrer ihn beim Worte nahm und zu verstehen gab, daß darin schon etwas sehr Großes zu leisten sei, wenn kaiserliche Hoheit tatsächlich das Meer aussisaufen täten.

Geräusch des Öffnens einer Sektflasche

Sprecher:
Wir wissen auch nicht, ob nicht vielleicht erst bei diesem, vor einer Sektflasche geäußerten Wunsch, FERDINAND MAXIMILIAN, einstiger Kaiser von Mexico und schöner Toter eines stillen Sommertags des Jahres 1867 - wir wissen natürlich nicht, ob nicht vielleicht erst in diesem Wunsch aus einem kaiserlich protegierten Kavalier zur See ein selbstherrlicher Befahrer der Meere wurde mit solchem Geschick, ja mit solcher Besessenheit zwischen den Meeren zu kreuzen, als wolle er mit dem Gewicht des abgeplatteten Schiffskiels übers Wasser fahren wie eine Mamsell übers Bügelbrett und so alles Nachgebende unter sich verdrängen, daß der Ozean hoch über die Küsten hinspritzt, um sich über den Kontinenten zu verlaufen. Es dürfte schwerfallen, sich als das Resultat und auch als das Ziel solchen mannhaften Wahnsinns den nackten Grund des Meeres vorzustellen, zugänglich nunmehr der Volkswirtschaft, beweidet von schwarzweißroten Kühen, über die hin weit ein kaiserlicher Doppeladler den Himmel versiegelt.

Sprecher:
Aber das Meer aussaufen zu wollen allein ist noch nicht jener Aspekt von Größe, vor dem die geschichtliche Zeit gleich schlecht verwahrten Fellen davonschwimmt und durch den trunken die Großen mit aufgeblähten Bäuchen, schon den Zeitgenossen ein wenig übelriechend, auf den herausragenden Hindernissen und spitzigen Steinen hängenbleiben, sobald die Zeit abgelaufen ist.
Jenen Aspekt gewinnen wir auch nicht im Hinweis auf den Posten eines Generalgouverneurs von Lombardo-Venezien, den MAXIMILIAN vom schielbärtigen Protektor italienischer Einheit, dem dritten NAPOLEON, zugesprochen erhielt, auch für den erstrebten Fall, daß Lombardo-Venezicn französisch würde, anstatt wie bisher habsburgisch zu sein. Obwohl sich durchaus vertreten ließe, daß schon gehörig Maß an Verständnis historischen Fortlebens darin sich offenbart, daß der Erzherzog Österreichs von seinem kaiserlichen Bruder und Regenten deshalb einen Gouverneursposten annahm, weil nur so das vom Gouverneur verweste Land verlorengehen würde und auch verlorenging. Ja, das Verständnis des profanen Spiels der geschichtlichen Kräfte ging bei MAXIMILIAN so weit, daß er seinem kaiserlichen Bruder und Regenten zum Abhandenkommen eines Teils seiner Macht das Manifest schrieb, jenes zum Frieden von Villafranca am 15. Juli 1859.

Sprecher, gebrochene Greisenstimme, bemüht hochdeutsch:
An meine Völker! Wenn das Maß zulässiger, mit der Würde der Krone wie mit der Ehre und dem Wohle des Landes verträglicher Zugeständnisse erschöpft worden ist, gibt es keine Wahl mehr und das Unvermeidliche wird zur Pflicht. Diese Pflicht hatte mich in herbe Notwendigkeit versetzt, Meine Völker zu neuen und schweren Opfern aufzurufen, um zum Schutze der heiligsten Güter in die Schranken treten zu können. Meine treuen Völker sind Meiner Aufforderung entgegengekommen und haben die gebotenen Opfer aller Art mit einer Bereitwilligkeit dargebracht, welche Meine dankbare Verehrung verdient, Meine innige Zuneigung zu denselben wo möglich noch erhöht und mir die Zuversicht einflößen mußte, daß die gerechte Sache, für deren Verteidigung Meine tapferen Heere mit Begeisterung in den Kampf zogen, auch siegreich sein werde. Leider hat der Erfolg den allgemein gehegten Erwartungen nicht entsprochen und ist das Glück der Waffen uns nicht günstig gewesen. Österreichs tapfere Armee hat ihren erprobten Heldenmut auch diesmal so glänzend bewährt, daß sie die allgemeine Bewunderung, selbst die des Gegners errungen hat, was Mir zum gerechten Stolz gereicht, und das Vaterland es ihm Dank wissen muß, die Ehre der Banner Österreichs kräftig gewahrt, so rein erhalten zu haben.

Sprecher:
Läßt sich verächtlicher eine Niederlage anzeigen? Kann man peinlicher mit Prinzipien ins Gericht gehen, nach welchen die von Gottes und von eigenen Gnaden ihre Völker regierten? MAXIMILIAN schien zu wissen, daß man gewisse Aussagen nur recht formulieren muß, um als wahr erscheinen zu lassen, was man eben nicht sagt. Und auch das schien zu jenen Prinzipien zu gehören, die mit seiner Formulierung der Kapitulation bei Villafranca gegeißelt werden sollten. Natürlich steckt darin auch Perfidie, denn das Kapitulationsmanifest galt ja als das des Kaisers und war MAXIMILIAN zur Formulierung aufgetragen, weil er, von den profanen Geschäften der Macht noch unverschlissen, ganz den hohen Absichten der schönen Literatur zugetan war. Aber die Absichten des schönen Geistes schienen andere zu sein als die der Monarchie, die den schönen Geist besoldete. Man sollte eben lernen, die Literatur nicht nur ewig die Niederlagen und Katastrophen formuIieren zu lassen, während man sich selbst den besseren Teil vorbehält und kräftig zulangt.

Sprecher:
Zu lügen und dennoch nicht Großes zu wollen, zu zerschlagen und dennoch nichts Neues erbauen zu wollen, zu verachten und dennoch nicht besser lieben zu können, zu versklaven und dennoch selbst nicht freier zu sein! MAXIMILIAN war beschämt über seine eigene, so wohlgelungene Rede und er verabschiedete sich auf immer von Europa mit einem kleinen Traktat im Familienkreis, nachdem Adalbert STIFTER dem Kaiser ein Nachtlied gesungen und die Prostitution des Literarischen dadurch zu mildern versuchte, daß er sich eines Sujets aus höchsten Kreisen bediente. MAXIMILIAN griff in die Obstschale und warf dem Dichterfürsten eine Birne an die Weste, deren gelben Fleck STIFTER aus Ehrfurcht niemals auswaschen ließ. Das aufkommende Befremden der Sippschaft donnerte MAXIMILIAN mit den Tiraden nieder:

Sprecher, Stimme des jungen Mannes, aber sehr bestimmt:
Ich habe mir keine dorischen Säulen in die Hosen genäht und bin auch weiter oben ohne Gerüst. Ich halte nichts von Sicherheitsgestänge, kann es selbst an Damen nicht leiden, ziehe es ihnen immer aus. Wie dann der Brei prompt rausquillt. Um die Schöpfung zu bestätigen, sagen Sie? Die vergessenen Wege der Schöpfung, meine Lieben, sind nicht in einem Gedicht zur guten Nacht erhältlich und deshalb längst von uns verlassen. Ist es nicht gleichgültig, ob man Menschen mit Küssen steinigt oder mit Kugeln durchbohrt, ob er vom Schweiß zerfressen wird oder von Säure? Es ist wahr, auch ich genoß dieses Schauspiel der säbelkrummen Liebe, wenn das Gestöhn der ineindergeschossenen Staat und Kirche aus der Ferne zu Interpretationen hinreißt. Aber dabei zerbröckelte mein System, vier Schneidezähne verlor ich im Gelächter und meine Haut schwamm das HOMERische Tal hinab, den Ozeanen zu.
Gestern baute ich noch meine Arme vor mir auf wie Festungstürme. Kein Mensch drang zu mir vor, es sei denn durch diese Arme, die den Ring um ihn schlossen. Tag und Nacht ließ ich hinter meinen Augen verstärkt Wache gehen. Jeder Pickel im Gesicht ein Kanonenrohr, die Brust eine Igelstellung und der behaarte Bauch ein gutgetarnter Sumpf, darunter dann die Falle für den stärksten Feind. Rückendeckung gab mir eine dicke Matratze. Ich war ein Ausbund Eurer Reinheit, ich kannte den Irrtum nicht, noch die Gesetze, die uns brechen, denn ich richtete die Richter und schliff meine Gedanken auf ihren kahlen Schädeln, die sich schnell hintereinander vor mir verbeugten. Ich ziehe meine Schlüsse und Beine aus dem Dreck. Ich haue ab. Gnade Euch der Teufel, die Götter verschont gefälligst mit Euren langweiligen Gebeten!

Sprecher:
So tobte er davon, erstaunlich für einen Erzherzog gewesenermaßen, und sollte sich das auch nach Meinung des Hofes selbst zuzuschreiben haben, wenn er eines Tages gezwungen würde zurückzukehren. Man hatte Zeit und konnte den Augenblick in wohliger Niedertracht abwarten; denn daß diesem entrechteten Kaisersohn über eine schöne Tirade hinaus der Tod erträglicher erscheinen würde als die Rückkehr ins Familienspeisezimmer, stand nicht zu erwarten, da man an Beispielen solcher Art noch nicht Erfahrungen hatte sammeln können. Zugleich aber hätte man dem Besessenen vom Geiste als kaiserlicher Blutsbruder zuviel Ehre mit der Annahme erwiesen, es könne ihm der Geist zur Realität verhelfen. Was MAXIMILIAN an Realität des kaiserlich-königlichen, ja schlechtweg europäischen Lebens der Neuzeit in Händen hielt, war eine ihm zur Taufe geschenkte Sammlung des Haupthaares jener Aristokraten, die der Henker SANSON im Verlaufe seiner Tätigkeit für die französische Republik unter die Rosenbüsche von Errancis gebracht hatte. Die Haare der königlichen Familie waren in umgestülpte Aalhaut gezogen, die übrigen in Pergament gerollt und in eine schweinslederne Kassette gelegt. HEBERT hatte sie einst der ersten Modistin von Paris, Madame LISFRAND, geschenkt. Wie sie von ihr ins Kaiserhaus gelangten, ist nicht mehr auszumachen; man weiß jedoch, daß die Beziehungen der Vornehmen Wiens zu den Modistinnen von Paris auch in kopflosen Zeiten stets die besten waren.

Sprecher:
Mit diesem Museum sichtbarer Überbleibsel längst vermoderter Köpfe, die der Weltlauf von ihren Rümpfen so bleibend getrennt hatte, schiffte sich MAXIMILIAN ein und nahm auch mit sich reichlich Konfekt, seinen elfenbeinernen Jagdstock, randumhäkelte Schnupftücher in Kassetten, die ihm beim Verzicht auf die Erzherzogswürde von seiner Mutter geschenkt worden waren; zum Gebrauch in Mexico.

Sprecher:
Der amerikanische Sezessionskrieg gab NAPOLEON Gelegenheit zu einem kühnen Unternehmen, das wie alle weiteren kühnen Unternehmen dieses zur Kühnheit wahrlich nicht aufgebotenen Mannes scheitern sollte. Französische Truppen landeten, nachdem sie in Europa nirgends hätten landen können, ohne empfindlich aufs Haupt geschlagen zu werden, landeten unter einem beliebten völkerrechtlichen Vorwand in Mexico und eroberten ohne eine einzige Schlacht die Hauptstadt. Die Notabeln kamen, die Vornehmen des Landes, in Rot und Gold. Die Granden in Gold und Rot, nachdem sie ihren Präsidenten abgeschoben hatten, Senor JUAREZ. Die Notabeln kamen und hörten auf den Hundepfiff des Unterleutnants aus Paris, des schiefbärtigen NAPOLEON, der siegte ohne Schuß in Mexico. Die Notabeln dachten nach, was er ihnen vorgedacht. Er dachte an ein Kaiserreich auf einem Bein, an einen netten Burschen aus Graz mit Bart und Würde und mit Phantasie, aus Worten Gold zu machen.
So wurde er gewählt, es blieb den Mexikanern keine Wahl. Er reiste hin und dachte nach.

Sprecher:
Als Literat war er sich selbst genug. Er überwachte selber seine Abschiedstränen. Die Frau Mama war so gezwungen, den Puder nachzulegen nur an einer kleinen Rinne überm Brusttuch. Hingegen soll er, MAXIMILlAN, noch breit und öffentlich sein Wasser auf dem Schloßplatz abgeschlagen haben. So ging er leicht.
Doch im fernen Land sich anzusetzen, fiel ihm schwerer. Man sah ihn sieben Stunden mit einem Bein noch in der Dünung stehen, das andere schon im trockenen Sand. Er wollte sich nicht einschleichen ins verhängte Paradies, er wollte die Grenze nicht beiläufig überschreiten nachmittags nach dem Kaffeetrinken. Er kannte die Mathematik und die Philosophie aus den Märchen seiner Kindserzieher und memorierte gute Weisheiten gern. Er handelte bewußt, setzte das eine Bein vor dieses andere, probierte so den Schritt und liebte die Grenze, die uns Vergangenes vom Zukünftigen erleichternd trennt. War er ein Narr oder nur groß?

Sprecher, erzählend wie vor Zuhörern:
Mann, er war ein Narr, ein Admiral, ein deutscher Kopf aus Graz. Er hatte studiert und gut gekämpft. Er wurde Kaiser, weil NAPOLEON ihn nett fand und so würdig ohne Macht. Doch der Kerl hatte Ideen wie ein spinnerter Philosoph. Als Kind war er ins Wasser gefallen, sein Problem blieb das Meer.
So war er Kaiser geworden, in Gold und Rot und französischen Diensten, um Gold zu graben aus den Bäuchen der Indios. Sein Problem aber blieb das Meer. Weil er als Kind ins Wasser fiel und noch als Admiral in nassen Hosen stand. Er wollte den Ozean ausschöpfen, das nasse Wasser trocknen, und die Wissenschaft gab ihm eine allgemeine Theorie.

Der Redner, professoraler Vortrag wie am Anfang:
Nehmen Sie, meine Damen und Herren, Ihren Schulatlas zur Hand. Sie schlagen auf die Seiten vier und fünf und sehen alles blau. Das ist der Ozean. Er heißt Atlantik. Und sehen Sie am Rande die beiden Welten: links den amerikanischen Himmel, rechts die europäisch-afrikanische Erde. Zwischen ihnen nur Wasser, in das so viele Männer fielen und ersoffen, wo auf dem Grund die Knochen treiben von Lady HAMILTON und George LEDOUX. Und sehen Sie genau, wie rechts und links die Küsten treiben, wie sie sich vordrängen und wo ihnen ein Stück ihrer selbst fehlt. Auf beiden Seiten. Knifft man die Karte in der Mitte, wird man die Wissenschaft verstehen, die seit Sir JOHN behauptet, die Kontinente seien einst ein Stück gewesen, ein großes, gutes Land mit einem Volk und einer Sprache, bis dann ein Irgendwer mit harten Schlägen seiner Handkante die Welten auseinanderschob und sie entzweite.
Das wußte Max, der MAXIMILIAN. Er war ein Mann in Hosen, die ihm nicht mehr naß werden sollten.
Wie ein alter Indianerhäuptling saß er viele Stunden schweigend.
Endlich war er bereit zu sprechen und sagte: "Doch", und die Nacht verging stumm bis zum Morgengrauen.

Sprecher:
Er wußte, daß man mit dem Aussprechen heilloser Gedanken seine Nächsten nicht zu böser Kühnheit antreiben konnte. Er mußte sich verschließen. Am anderen Morgen ging er zum Strand, schöpfte mit seinem Hut das Wasser aus dem Meer und trank es.

Sprecher:
Gegen vier Uhr nachmittags hatte man seinem Befehl gehorcht: zwei Millionen Indios aus den Küstenlagern sah man hingestreckt am Strand, die Münder ins Meer getaucht. Sie tranken, sie zogen das Wasser ins Maul wie Kühe und spieen es rückwärts wieder aus.

Sprecher:
Der Kaiser hatte seinen Elfenbeinstock in den Sand gerammt. Eine Kerbe markierte den Wasserstand am Stab. Als nach sieben Stunden die Kerbe nicht höher gerückt war, ließ er pfeifen, die Toten ins Meer werfen und die Indios schwenken in langer Linie auf neunzig Grad. Die Kerle standen auf. Der erste Mann am Meer nahm einen Eimer, ließ den mit scharfem Rand das Wasser schneiden, zog hoch und gab ihn weiter an den nächsten, der ihn weitergab landeinwärts bis in die
Berge von Achez.

Sprecher:
Nach neunzig Tagen nahm der Kaiser einen Boten zu sich in das Zelt. Als der Bote abrückte und dann nach neunzig Tagen wiederkam, enthauptete ihn der Kaiser mit einer Wagendeichsel. Die Botschaft ließ ihn merken, daß jenes Wasser, aus dem Meer geschöpft und in die Berge von Achez getragen, in einem kleinen Fluß zurück ins Meer geflossen war.

Sprecher:
Im Herbst des Jahres 1866 versenkte sich die Grande Armada vor der Küste. Im flachen Wasser. Über die Wracks zogen sich Brücken. Über die Brücken gingen die Indios. Sie trugen Erde vom Berg Achez ins Meer, um es zuzuschütten und nicht mehr auftauchen zu lassen.

Sprecher:
Der Kaiser schrieb auf ein Papier und ließ es ausrufen:

Maximilian, noch immer der leicht wienerische Dialekt:
Ich, der Kaiser bin es, der zu Euch spricht.
Hinter mir stehen 999 999 000 Mann in Waffen. Ich kann dreihundert Kanonenkugeln in einer Stunde herstellen. Ich werde Maßnahmen treffen, die 88mal härter sind als die aller Kaiser. Ich werde Menschen aufhängen und grillen, andere werden in Stücke geschnitten, ins Meer geworfen und vergessen, wenn sie nicht gehorchen. Euer Vormann wird 46 Peitschenhiebe bekommen, andere Leute 36 oder 73. Wer zu heucheln versucht, wird mit 50 Jahren Gefängnis bestraft. Wir haben sieben Kilometer Land ins Meer gebaut. Ich selbst bin gesund ..

Sprecher:
Jetzt erst fiel ihm ein, daß er vielleicht die Flotte besser nicht versenkt hätte. Er ließ aus Bäumen siebzigtausend Schiffe bauen und bemannen mit Ruderern. Im Januar 1867 spannte er die Boote mit langen Tauen ans Land. Er ließ die Männer rudern ostwärts durch die Jahreszeiten. Er las, daß jeder Kontinent wohl schwimmt, und wenn er schwimmt, daß er auch zu bewegen war, ganz ostwärts bis zu seinem Ziel.

Sprecher:
Als Präsident JUAREZ im Juni mit starken Kräften auf die Bucht vorrückte, ging Max, der MAXIMILIAN in Rot und Gold, ihm 50 Schritte weit entgegen.

Sprecher:
Am Morgen des 19. Juni 1867 wurde er erschossen. Er sagte, er sagte noch:

Maximilian:
Ich sterbe für eine gerechte Sache. Ich liebe die Philosophie. Ich vergebe allen, die mir vergeben. Möge mein Blut zum Guten dieses Landes dahinfIießen und möge ein Stärkerer meine Arbeit fortsetzen. Lang lebe Mexico ... Männer ...

Sprecher:
Dies sind seine Worte; gesprochen wie letzte Wore, nachdem er vorher noch gesagt hatte:

Maximilian:
Daß wir Menschen sind,verdirbt alles.

Sprecher:
Er sagte: Ich sterbe für eine gerechte Sache. Und ließ merken, daß er wußte, wie man seiner Angelegenheit durch die Konsequenz des Todes zum größten Ausweis ihrer Richtigkeit verhalf.

Er sagte: Ich vergebe allen, die mir vergeben. Nachdem der Sterbende alle anderen durch seine scheinbare Reue ins Unrecht setzte, versichert er sich durch dieses Unrecht seines Rechts, das wohlgefällig getan zu haben, weswegen man ihn sterben läßt. Er beweist den Anspruch jener Größe, um derentwillen er getötet wird ... Er beschämt seine Feinde und erreicht so das Gegenteil von Vergebung: er verdammt alle anderen in die Schuld, die Taten der Menschen an ihre Vergänglichkeit zu binden.

Er sagte: Möge mein Blut zum Guten des Landes ... er bestätigt seine Auffassung von der Größe seiner Taten und kennzeichnet seinen Anspruch auf charismatische Führerschaft.

Sprecher:
Das jedenfalls sagte der Dorfälteste zum Hauptmann des Pelotons, als sie die Leiche zum Schindanger karrten. Der Hauptmann berichtete darüber in seinem Schreiben dienstlicher Art an den Kommandanten.

Sprecher:
Die 'Stimme des Volkes' schrieb:
Es lebe der Präsident JUAREZ, der ein Sohn unseres Volkes ist.
Wir erlebten schwere Zeiten. Was werden wir noch erleben?

Sprecher:
Die Haarsammlung des Henkers SANSON wurde zu Tuch versponnen, aus dem sich die Indios in den Lagern am Berg Achez Zelte bauten.

Sprecher:
NAPOLEON der Dritte weinte, als man ihm die Nachricht vom Ende seines Zweitreiches überbrachte. MANET malte ein Bild der Erschießung, um den Kaiser zu trösten.