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Werkdetail Seite / Volltext | Bazon Brock

Action Teaching Agit-Pop (Brock) - Fluxus (Beuys) - De.coll/age (Vostell)

Lifesendung zur Sendereihe „Die Drehscheibe“ des ZDF am 11.12.1964

Agit-Pop (Brock) - Fluxus (Beuys) - De.coll/age (Vostell), Bild: Flyer zur Livesendung.
Agit-Pop (Brock) - Fluxus (Beuys) - De.coll/age (Vostell), Bild: Flyer zur Livesendung.

Termin
11.12.1964, 19:00 Uhr

Veranstaltungsort
Düsseldorf, Deutschland

Veranstalter
ZDF

Veranstaltungsort
ZDF Landesstudio Nord-Rhein-Westfalen in Düsseldorf

Dauer
30 min

Das Schweigen der Väter

Beschreibung von Bazon Brock zur Aktion im Katalog zur Ausstellung „Beuys Brock Vostell“ (ZKM 2014):

„In höchst raffinierter Weise hat Beuys das Komplement zu dieser Frage [nach der Kraft und Wirkung der Musik] in der TV-Studio-Aufführung im Rahmen der Drehscheibe vorgestellt: die Frage nach der Ausdruckskraft des Schweigens. Ein Redakteur des ZDF war nämlich beim Scheitern des Festivals am 20. Juli anwesend gewesen und hatte nach Abbruch der Veranstaltung in der TH Aachen spontan erklärt, er wolle dafür sorgen, dass wir die Aktion wie geplant durchführen könnten. Leider wurden dann aber nur Beuys, Brock und Vostell ins ZDF-Landesstudio in Düsseldorf eingeladen, um am 11. Dezember 1964 das Thema »Widerstand 20. Juli« ungestört zu bearbeiten. Wir wählten als zentrales Motiv das ostentative Beschweigen des Vorlebens der deutschen Widerständler in der Nachkriegszeit: das Schweigen der Väter, das Schweigen der Künstler, das Schweigen der Bäume (der Galgenbäume). Wir hatten für unsere Arbeiten nur eine halbe Stunde im aktuellen TV-Programm zugestanden bekommen. Konzentration auf jeweils einen Aspekt wurde notwendig.

Vostell widmete sich in seiner materialreichen Aktion im TV-Studio dem »Schweigen der Fische« mit Hinweis auf die Redensart »stumm wie ein Fisch«. Er ließ seine Akteure mit einem heringsgroßen Fisch im Mund und einem über den Kopf gestülpten Karton als Sichtblende mit dem Fahrrad um ein breites Bett als Brutstätte des Bösen kreisen.

Beuys zielte mit seiner Fettecke im Bretterverschlag und dem braunkreuzbeschrifteten Protestplakat Das Schweigen von Marcel Duchamp wird überbewertet auf die damalige Entlastung der politisch schweigenden Künstler durch den Stammvater der Avantgarde Marcel Duchamp (zum Braunkreuz von Beuys siehe Duchamps Schokoladenmühle im Großen Glas). Assoziiert wurde damit auch das damalige Beschweigen von Psycho- und Sexualpathologien, denen sich Ingmar Bergman in seinem Film Das Schweigen anzunähern versuchte. Beuys hat kurz nach unserer Aktion die Filmschachteln des Bergmann-Films samt Inhalt zu einem eigenständigen Werk verarbeitet. Er zielte auf die verbreitete Haltung, sich Schuldbekenntnissen vornehm durch Schweigen zu entziehen und die Hände zum Beispiel in der Unschuld des Schachspielers, des Tierschützers oder des Kunstpflegers reinzuhalten. In diesem Sinne erschien uns der Nur-noch-Schachspieler Duchamp ein ziemlich frivoler Zeitgenosse geworden zu sein. Vostell hatte sich seit seinem Abgang von der Werkkunstschule Wuppertal stets gegen den Vorhalt zu wehren, er erschöpfe sich in berserkerhaften Künstlergesten. Man hielt auch ihm die schöne stille Zurückhaltung der Avantgardekünstler wie Duchamp entgegen; an denen möge er sich ein Beispiel nehmen. Vostell antwortete mit dem wütenden Ausruf: »Das Schweigen von Duchamp wird überbewertet!« Beuys griff das auf, weil auch er stets zu hören bekam, der künstlerische Tiefsinn und die Orientierung auf Mythologien als Material künstlerischen Arbeitens seien durch Duchamps Rückzug ins überlegene Schweigen ein für allemal erledigt.

Für mich galt schon als Redakteur einer Schülerzeitung, dass die lateinische Weisheit »Wenn du geschwiegen hättest, wärest du ein Philosoph geblieben« eine durch Überlegenheitsgetue nicht zu adelnde Plattitüde ist. Mit dieser Plattheit korrespondierte, was Künstler und Wissenschaftler verlautbarten, wenn sie sich zu besagter lateinischer Maxime gerade durch Reden bekennen wollten. Dann träufelten sie ins Ohr des schlafenden Volkes das Gift der »Rassereinheit«, des »Ariertums«, der »Weltanschauung«, der »Rettung der Welt durch Untergang«. All dieser Blödsinn stammt ja von den höchstrangigen Weltberühmtheiten des »Deutschen Geistes«, die denen des jüdischen auf keinen Fall nachstehen wollten. Schließlich hatte der jüdische Intellektuelle, Literat und englische Premierminister Benjamin Disraeli die Rassenideologie zur Weltgeltung erhoben. Es ist ein erstaunlich durchgängiges Merkmal der deutsch-jüdischen Beziehungen, dass die Deutschen sich auch für erwählt halten wollten und die Juden ihrerseits in dem als Nationalstaat vor 1871 nicht existierenden Deutschland ihre Vorstellung von Diaspora manifestiert sahen. Dergleichen Voraussetzungen für die Erörterungen des deutschen Widerstands am 20. Juli 1944 musste ich dem Publikum in meinem Beitrag Das Schweigen der Väter in Erinnerung rufen, zumal jenes Schweigen damals immer noch in Relation zum Schweigen der Opfer des Naziregimes gesetzt wurde. Man tat so, als ob auch für die Opfer gelte, »Wer schweigt, stimmt zu.« Während unserer Aktion am 20. Juli und ihrer Drehscheiben-Variante aus dem Dezember 1964 wurde zum ersten Mal, nämlich im Frankfurter Auschwitzprozess, gleichzeitig das Schweigen der Väter vom Schweigen der Opfer unterschieden.

Aber wir hatten es nicht nur mit dem Schweigen der Väter, sondern auch mit dem der wohlmeinenden Aufklärer zu tun. Sie verschwiegen zum Beispiel, wie schon erwähnt, dass »das deutsche Volk« am 18. Februar 1943 im Berliner Sportpalast nicht nur dem ersten Teil der Frage Goebbels’ zugestimmt hatte, ob es den totalen Krieg wolle, sondern auch dem zweiten Teil, demzufolge totaler Krieg der kürzeste Krieg sei.“

siehe auch: