Aktion gegen die Wegwerfgesellschaft (Brock in der Tonne)

22000 Seiten umfaßt das voluminöse Werk des avantgardistischen Schriftstellers Bazon Brock (26 J.). Wie weiland Diogenes in sein Faß, hat er sich zwischen Betonrahmen zurückgezogen und protestiert in Frankfurt gegen die Westentaschenformate im deutschen Buchhandel. | Aktion "Das Blätterbuch - Gymnastik gegen das Habenwollen", Frankfurter Buchmesse, Oktober 1962 © AP

Das Blätterbuch. 22.000 leere Seiten

22000 leere Seiten umfaßt das voluminöse Werk des avantgardistischen Schriftstellers Bazon Brock (26. J.). Wie weiland DIOGENES in sein Faß, hat er sich zwischen Betonrahmen zurückgezogen und protestiert in Frankfurt gegen die Westentaschenformate im deutschen Buchhandel.

Das Buch als Objekt zum Anfassen und Mitsichtragen, das Buch als Greifgegenstand und als Befrieder konkreten Aneignungsverlangens wird in erster Linie bestimmt durch seinen Materialcharakter: einzelne und doch miteinander verbundene Blätter. Daß sie einzeln sind und doch miteinander im Zusammenhang stehen, legt die Handhabung des Buches als Objekt fest. Seine Handhabung besteht im Blättern. Das Buch wird zum Blätterbuch, wobei die Blätterarbeit vollständig dem Objektcharakter des Buches gerecht wird. Heute produzierte Bücher der Gattung 'Schöngeistige Literatur' haben in erster Linie kurzfristige Befrieder von Aneigungsverlangen zu sein.

Deshalb wird es notwendig, eine Gymnastik gegen das Habenwollen auszubilden: die Wegwerfbewegung. Tägliche Übung bringt weit. Man fängt bei sich selber an, seinen Schuhen, Möbeln, Kleidungsstücken. Utensilien, öffnet das Fenster zum Hof und auf gehts. Es liegt nahe, Gegenstände dafür zu benutzen, die schon ihrem Charakter nach zum Wegwerfen bestimmt sind wie Papierkleider, Papiermöbel usw.

>Die Brocksche Wegwerfbewegung zielt nach vorn, denn wir wollen nicht an die Dinge unsere Erinnerungen binden, sondern an uns selber: an unsere Gesten, unseren sprachlichen Ausdruck, an Mimik und Verhalten. Wer nur sein Leben auf seine jeweilige Umgebung projiziert, der wird bald nichts mehr in den Händen haben. Die meisten Leute machen deshalb nur etwas aus ihrer Wohnung, nichts aber aus sich selbst.

Visitenkarte zu den Aktionen in der Galerie DuMont, Januar 1962