DISKUS 12/1962

Frankfurter Studentenzeitschrift

Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Albert Ehrensteins Ehre in sechs Teilen mit einer Wettermeldung

I.
die weltalter beginnen zu ergrauen.
Ioden hängen sich an die menschen, neue farben ersinnen sich die
affen auf ihren bäumen. alle tragen kokosnüsse statt der köpfe,
schal ist die milch ihrer art.
.....der start des messias wird immer wieder verschoben, vergeblich
finden sich die empfangszionisten auf dem nordbahnhof ein.
der nächste erlöser denkt nicht daran, geboren zu werden. faul
räkelt er sich im zeitenschoß und gähnt seine jüngeren brüder an.
aber keiner will aufstehen.

II.
was schert mich äquator und pol, horizont und
die seltsamsten fische der tiefsee, an meinem firmament fliegen
schnurrige rochen, drachen watscheln durchs wasser, grünzeugkauend
schweifwedeln arabische löwen durch den trubel der straßen.
vor der kaiserwilhelmgedächtniskirche bettelt sich krumm ein
olympischer gott.
.....mit der untergrundbahn fahren schmarte azteken,
sokrates stirbt im kolleg erschöpft,
es wachsen die heere der schwalbenesser,
fromm wallen die neger zum entscheidungskampf zwischen
dem sultan bajezid und einem foxterrier.
ich aber sitze auf dem schwärzesten punkt meines maikäfers
und fliege nach siam, jogins erwartet mich schon.
ich aber die fliegenden hunde.
.....doch auch im hintersten indien spielen die engländer matche,
ihr fußball ist gegerbt aus der haut des weißen elefanten.
die pest rust lokomotiven über dem heiligen ganges,
alle fakire lesen die times, dampfwalzen ebnen zur straße
den felsigen held himalaja, im kanal verreckt das krokodil.
ewig im sprunge ruht das känguruh.
die letzten palmen umarmt der derwisch filmend im tod.

III.
wir haben mehr vonnöten als diplomaten und feldherrn,
heerführer und politische kreuzspinnen,
reichezerstörer und weltgerichtsvollzieher.
jeder ist halbgott oder lehrer, keiner gehorsam
sie üben ihre wunder im wandern aus.
.....eure straßen sind krumm und krumm, ihr sagt halleluja und
meint trüffel, ihr schlürft ein mädchen wie eine junge auster,
die nacht eines menschen ist euch ein haarbalsam. ihr schlagt
ihm die zähne ein und nennt das:
vaterland oder ordnung oder republik oder demokratie oder
revolution oder kommunismus.
da ihr euch aber in jedem falle die zähne einschlagt, würde
ich das beim namen nennen: zähneeinschlagen
und nicht urgroßvaterland oder kaiserrepubliken,
oder abendland oder europa.

IV.
die frage, ob der storch nun auch die jungen affen bringt,
ist von scheuklappen noch nicht genügend untersucht worden.
wenig bekannt ist auch, daß ein monokelhirn nicht durch das schärfste
mikroskop sichtbar gemacht werden kann.
das betteln und hausieren um den nordpol ist verboten,
überhaupt ist die wissenschaft im frieden das beischläfigste kebsweib des ameisenkönigs,
im krieg wilde metze des herrschenden metzgers.
im einzigen schlafwagen der elektrischen fahre ich durch die stadt.
um mich vergilben ungelesen die nichtssagenden jahrgänge sämtlicher zeitungen.
in allen kanälen sucht man nach mir.
.....die selbstbezichtiger haben mich zum ehrenmitglied ernannt.
beifall nicken mir mit ihren schlitzaugen die seelenaufschlitzer
ich aber schlafe schon im schatten.
an der seidenen schnur um den hals trage ich meine weckuhr.
.....vergebens plätschern die monotonisten reklame in den verlagspissoiren.
in ihre theater gehe ich nur montags, freundlich lächelnd überreicht
mir eine kleiderlaus meine garderobe: sieben zwetschgen.
die sängerin reißt den mund auf, ihre goldplomben brüllen zur decke,
die rülpst nur ein unmelodisches echo. ach
ihr verkennt die gottheit, sie hängt am telefon und
lauscht euren radioopern.

V.
schon naht irgendeine mutter, um mich zu gebären.
reinigt euch und nicht nur eure straßen.
schon ruft das reiche haustier: polizei, um mir zu antworten.
euer magen hupt vor fülle. auf der börse streiten sich die marktweiber,
zion ist eine wilde aktiengesellschaft. die
werdegesänge der hölle, die chirurgische säge des arztes,
ich schneide euch riemen aus eurer schweinshaut, um
euer ränzlein zu schnüren, schwer wiegt auf meiner waage der wanst:
ich schweige euch tot.

VI.
die uhren in den bahnhöfen sind überklebt. für eine zeitangabe
muß man sein leben zahlen. immernoch, wenn ein riesenwesen auf dem
globus tanzt, bebt die erde. dann stehen die Uhren. ich gedenke dieser
gewaltigen sippe der großen männer des todes, weinens und richtens.
aber die heutigen wortrebellen, die schlackenprinzen schreiben glossen. welt voller
christlichsozialdemokraten und publikumsjournalisten, ihr
geheuer der tiefe, gegen die der leviathan ein waisenknabe -
harpunieren soll man euch wie walfische.
ihr jubilare des neids, ihr veteranen der lüge,
jeder einkehr, außer in ein kaffeehaus, unfähig . . .
die henne legt ihre eier, die mutter gebiert ihre kinder,
was weiter
auf den schlachtfeldern wackeln die überlebenden
überlebensgroß im tanz,
ihr von geburt zu wiedergeburt, ihr
metempsychotischen schnorrer, ihr hausierer im segen.
es regnet.