DISKUS 10/1961

Frankfurter Studentenzeitschrift

Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Die Kunst hat sich verweltlicht. Happening-Weekends in Wiesbaden

Die Kunst hat sich verweltlicht, Gott seis gedankt. Der dunkle Budenzauber, durch den Künstler nur zu geneigt waren, Verantwortlichkeit für ihre Werke den himmlischen Launen zuzuschieben, ist ab-, wenn auch nicht aus der Welt geschafft. Der schlagendste Beweis dafür ist, daß das künstlerische Bewußtsein selbst in die Qual des Kampfes nicht nur äußerlich hineingezogen wird; des Kampfes, aus den versteinerten Formen der Gesellschaft sich zu befreien, aus der Zwangslage des Entweder - Oder; durchzustoßen durch die Decke der Innerlichkeit, die lähmend sich über uns ausgebreitet hat. Denn unter dieser Decke hat sich die moderne Klugheit angesiedelt, die darin zu bestehen scheint, sich noch im Unsinnigsten und Unmenschlichsten häuslich einzurichten. "Leben mit der Bombe" und das "man kann nicht immer nur über die Vergangenheit nachdenken, man muß in die Zukunft blicken" sind die neuen Sinnsprüche solcher Häuslichkeit, die ganz ihren Vorstellungen gemäß so von der Gegenwart ihrer selbst absieht, daß es dem Teufel nicht schwerfallen sollte, sie wieder zu reiten. Der Turniersport vermag uns ja inzwischen durch "unsere Siege" wieder so zu fesseln, daß wir kaum merken dürften, wann wir noch Reiter und wann schon die Gäule sind. Denn auch heute noch wachsen die Menschen ihren Herren zu wie eine Herde guter Reitpferde. So gilt es denn dem freien, marktwirtschaftlichen Pragmatismus als höchste Forderung, seine Interessen zu wahren, nicht die der Menschen, von denen man glauben soll, daß sie Fremden, Unbekannten sich nicht aussetzen dürften, denn man könne ja z.B. im Bereiche der Künste nie genau wissen und so. Daher rührt das Mißtrauen des Bürgers gegenüber den Geisteswissenschaften und den 'Spinnern', wohingegen er den Naturwissenschaften ernsthaftes Arbeiten nur allzugern konzidiert, selbst wenn diese ernsthafte Arbeit die Grundlagen seiner eigenen Existenz aufzuheben droht. Immerhin ist ja wirklich der Tod etwas sehr Eindeutiges und ganz Unbezweifelbares, vorzuziehen jeder zweideutigen Kunst, zu leben in der Fremde des Lebens. Wie verkommen unser bürgerliches Bewußtsein ist, läßt sich entsetzlicher wohl kaum zeigen als mit folgendem Zitat: "Ich möchte aber dann tot wieder aufwachen, wenn man das sagen kann." Man kann es nicht sagen, um so weniger, als dahinter keine Ideologie steckt, sondern Dummheit.
Solche Versprecher sind um so unentschuldbarer, als sie von Künstlern kommen, die damit nicht das Kreuz der Barbarei unserer Gesellschaft auf sich nehmen, um es aufzuheben und auf/zuheben, sondern um damit der Gesellschaft aufs Haupt zu schlagen und sich so an der Barbarei zu beteiligen. Man wartet doch nur auf solche Gelegenheiten, um lauthals verkünden zu können: "Seht an, auch die Künstler wissen es nicht besser, das haben wir immer schon gewußt."
Über derlei Raffinesse waren offensichtlich die Teilnehmer des Fluxusfestivals in Wiesbaden (mit wenigen Ausnahmen) nicht unterrichtet. An den fünf Weekends des Monats September wollten sie im Saal des städtischen Museums ihrem schlichten und allerdings verräterischen Bekenntnis Ausdruck geben: "Wir sind für alles." Und so war es denn auch: Eier wurden auf einem zuvor rasierten Schädel zerschlagen. Der Täter HIGGINS schien sich nicht ganz im klaren zu sein darüber, was er überhaupt mit den Eiern anfangen sollte, die er nun einmal erstanden hatte. Eins ging ins Auge, nicht mit voller Wucht; es wurde ein wenig in der Hand zerdrückt, dann ans Auge gelegt und laufengelassen. Auf den Sonntagsanzug HIGGINS' machte das auch keinen Effekt. Dafür sprang PAIK ebenfalls in eine Badewanne, ebenfalls im Sonntagsanzug. Und MACIUNAS trug dazu noch einen Stehkragen. Es war fast alles abgestanden, was dort gezeigt wurde, schon gesehen, schon von der Anstrengung des einmal einmalig ins Nichtwerk Gesetzten befreit und deshalb sogar ohne Spannung aufs pure Neue. Selbst Freunde der Akteure, wie der Schreiber dieses Studentenaufsatzes, waren nach zehn Minuten arg gelangweilt, konsterniert über die Unstimmigkeit des Gezeigten, die Nonchalance der Darstellung, das dauernde Gekicher aus Peinlichkeit nicht etwa des Publikums, sondern der Künstler, das Bestreben, die Show möglichst ohne Anstrengungen des Einzelnen über die viel zu vielen Runden zu bringen, den offensichtlichen Zwang, sich etwas einfallen lassen zu müssen, und vor allem darüber, daß die Beteiligten ebenso offensichtlich nur verschwommene Vorstellungen davon hatten, was sie eigentlich aufzeigen wollten. Anders läßt es sich nicht erklären, daß man zum Beispiel einem Klavier zahm mit kleinen Hämmern auf die Füße schlug oder mit Schraubenziehern Saiten löste, anstatt den neuen, bewährten Flügel einer klugen Kreissäge vorzuhalten, die dann in gerader Richtung das Biest durchsägt hätte.
Dabei schienen doch alle Beteiligten zu wissen, daß heutigen Tags mit bloßem Protest und matter Provokation nicht mehr auszurichten ist, was krumm bei uns. Wohingegen in der Zutreibung der Probleme gegen den äußersten Absturz hin noch zu erweisen wäre, wie klein Menschen werden, wenn sie sich krümmen. Leider ist das keine Angelegenheit des Sports am freien Wochenende und damit auch nicht in solchen Festivals zu leisten. Übrigens müßte man dann auf gleicher Ebene auch von einem Eisenbahnfestival der Transportarbeiter sprechen, nur zum nichtssagenden Beispiel.
So jedoch gereichte das Fluxusfestival nur dem Publikum zur Bestätigung seiner lapidaren Meinung über das Wirken der Künste von heute.