De-coll/age: Bulletin der happening und fluxus avantgarde 4

Wolf Vostell: De-coll/age: Bulletin der happening und fluxus avantgarde | Nr. 4, Januar 1964
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Happenings : Ramon Barce, S. Bonk, George Brecht, Bazon Brock, Stanley Brouwn, H. J. Dietrich, Al Hansen, Mc Low, Dick Higgins, Allan Kaprow, J. J. Lebel, Claes Oldenburg, Robin Page, Nam June Paik, Tomas Schmit, Frank Trowbridge, Wolf Vostell, Jean Pierre Wilhelm

Bazon Brock/Frankfurt: 4 Donnerstags-MANIFESTE, BLOOM-Zeitung, Roman

Konferenz über die Tätowierungen am Oberkörper des itzigen Königs von Dänemark

Auch wir verbeugen uns ungewollt ein wenig. Der Augenblick läßt uns zurückdenken, wie es wohl früher gewesen sein mag, wenn seine Majestät sich den dankbaren Untertanen an besonderen Festtagen zeigte.

Seine Majestät und auch ihre Majestät werden würdig vorgeführt. Seine Majestät im Cut; bezaubernd sieht sie aus ganz in Rot, da es später Nachmittag ist. Dann trägt sie Champagnerfarbe mit Nerzcape (obwohl Pelze an diesem Abend selten sein werden, es ist der 26. Juni und schwül - selbst der König fährt sich vornehm mit dem Taschentuch über die Stirn). Dann wählt sie ein wunderbares leuchtendes Violett, liebt Giftgrün mit weißem Saga-Nerz-Besatz. Schließlich entscheidet sie sich für hellblaue Spitze, von einem schwarzen Federgesteck auf dem blonden Haar ergänzt.

Soweit die königlichen Hoheiten deutsch verstehen, werden sie mit uns singen:
"Großer Gott, wir loben Dich" und "Nun danket ihm alle". Zumindest wäre es schön, wenn sie ihre Lippen bewegen würden.

Vielleicht nicht eingeplant ins Protokoll, aber als spontane Huldigung der Niederurseler wird ein sauber gewaschener Schornsteinfeger auf dem Dach des Hauses neben der Galerie stehen, um allen Glück zu bringen. Schwarze Schornsteinfeger sollen die Frauen schrecken und zur vorzeitigen Kreißung veranlassen. Die Erscheinung des gewaschenen Schornsteinfegers wird von allen Anwesenden mit Vergnügen bemerkt. Der König besteigt würdig ein kleines, eigens für ihn angefertigtes Podium. Man merkt ihm an, wie sehr er sich bemüht, die tiefe gesellschaftliche Kluft zwischen ihm und uns zu überbrücken, um uns die angeborene Scheu vor seiner würdevollen, aber doch sportlichen Figur zu nehmen. Der König scheint aber etwas unschlüssig darüber zu sein, was jetzt zu geschehen hat. Da greift hilfreich ein Windstoß zu und erleichtert ihm das Ausziehen der Oberbekleidung. Ein Manschettenknopf fällt zu Boden, dennoch steht seine Majestät strahlend da und blickt zu uns herüber. Wir sind ihm dankbar dafür. Er beginnt sich nun nach allen Seiten zu verneigen, wobei ihm das Leibchen abgestreift wird.

Ein Traumbild, muskulös, doch elegant auch nackt, steht er vor uns und zum ersten Mal sehen wir die berühmten Tätowierungen auf seinem wunderbaren Oberkörper. Er könnte ein Filmstar sein und sich durchaus selber sein Geld verdienen, wenn er nicht König wäre. Langsam dreht er uns seinen wunderbaren, gutgebildeten Rücken zu, voller Würde und barfuß als Sinnbild des Fleißes. Man weiß, daß der König jeden Morgen früh aufsteht, um sich selber anzukleiden.

In diesem Augenblick wird der dänische Dichter und Kronenhofordenträger Bazon Brock, dem wir den schönsten Roman über den Mortensenhof verdanken, ebenfalls in würdiger Weise auf den König zuschreiten, um uns an Hand eines langen Zeigestockes die Tätowierungen am Oberkörper des dänischen Königs zu deuten, die von tiefem Symbolgehalt erflüllt sind. Wir sehen die Fock eines Segelschiffes. Bazon Brock hebt den Zeigestock und dann ... mein Gott, was ist los?