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Gottesdienst und Denkdienst

Erschienen
27.08.2020

Erscheinungsort
Berlin, Deutschland

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Georg Wilhelm Friedrich Hegel zum Geburtstag

Eine der prägnantesten Anekdoten zum Leben des großen Hegel geht so: Wenn Sonntag vormittags die Damen des Hauses zum Gottesdienst aufbrachen und den Hausherrn aufforderten, sie zu begleiten, pflegte er zu antworten: „Geht nur, meine Lieben, ich habe zu arbeiten und Denken ist auch Gottesdienst.“

Was die Damen bei diesem Diktum zu denken wussten oder sogar zu sagen wagten, ist nicht überliefert. Immerhin werden sie an die erste grundlegende Darstellung Hegels zum Verhältnis von Glauben und Wissen (heute Schöpfung und Arbeit, Religion und Wissenschaft beziehungsweise Virtualität und Realität, Möglichkeit und Wirklichkeit) gedacht haben. In dem von ihm und Schelling herausgegebenen „Kritischen Journal der Philosophie“ hatte sich Hegel 1802 über das Verhältnis von Glauben und Wissen vergewissern wollen. Die Frage hat eine lange Tradition insbesondere für die christliche Theologie, seit Augustin feststellte, dass man ja wissen müsse, was man glaube, wenn man den Glauben öffentlich bekenne, und dass man glauben müsse, um überhaupt wissen zu können. Die bis dato höchste Bestätigung dieses theologischen Grundsatzes lieferte Leibniz mit der Infinitesimalrechnung, die ein für allemal das Verhältnis von Endlichkeit und Unendlichkeit, der Sphären des Wissens und des Glaubens klärte.

Was konnten über Leibniz hinaus junge Dichter und Denker im Weltgeistzentrum Jena um 1800 zur Beziehung von Glauben und Wissen Neues vortragen wollen? Ganz offensichtlich ging es Novalis und Fichte, Hölderlin und Hegel, Schelling und den „Naturphilosophen“ darum, theologische, philosophische Erkenntnisse zur Klärung der realen geschichtlichen Wandlungen zu nutzen, durch die Europäer seit der Französischen Revolution irritiert, besorgt, gar erschüttert oder andererseits in hoffnungsvoller Erwartung grundsätzlicher Änderungen begeistert wurden.

Um das kühne Vorhaben der in Jena versammelten Geister angemessen zu verstehen, kann man auf heutige Gegebenheiten verweisen. Denn die Frage nach dem Verhältnis von vernunftbegabtem Denken und Handeln in gutem oder bösem Glauben wird heute gern einsinnig beantwortet, statt sie zu untersuchen.

Bis in unsere unmittelbare Gegenwart ist auf den Kern der Hegelschen Behauptung immer wieder zurückgegriffen worden, sei es durch die Pastoren in der DDR, die Gottesdienst als Antwort auf politische Zumutungen verstanden, oder auf Pfarrer in der BRD, die Gottesdienst als Sozialdienst praktizierten. Besonders auffällig wurde der Repräsentant des größten Bankhauses der Welt, der seit 2008/09, seit der jüngsten Bankenkrise, zur Selbstrechtfertigung immer wieder ausführt, dass seinem Verständnis nach die Arbeit der Banken als Fortsetzung der Arbeit Gottes zu gelten habe und anerkannt werden müsse. Der Name des Mannes verweist auf Klarheit und Härte, wie sie Diamanten zugeschrieben wird und im Namen seiner Bank wird die Statue des goldenen Kalbes jetzt wohl als Statue des goldenen Mannes der Gottesassistenz geführt. Mr. Diamond von Goldman & Sachs muss inzwischen mit Mr. Larry Fink, Gründer der zweitgrößten Bank der Welt, biblisch konkurrieren, denn diese legitimiert sich in ihrem Namen Blackrock durch das Allerheiligste der Muslime, die Kaaba in Mekka. Ganz besonders auffällig wird die Dringlichkeit der Hegelschen Frage angesichts der Äußerungen von Präsident Trump, der bedenkenlos wie ein totalitärer Potentat mit seinen Glaubensgewissheiten alle wissenschaftlichen Argumentationen oder die der praktischen Vernunft strikt abweist.

Mit diesen Hinweisen lässt sich die Aufgabe, der sich die Versammlung in Jena konfrontiert sah, doch wohl gut erkennen: Es ging um das, was man schon wenig später bei Feuerbach und Marx Ideologiekritik nannte. Hegel war wohl der erste, der die Logik von Aussagesätzen vom alltäglichen Sprachgebrauch erkenntnistheoretisch unterschied. In der Orientierung auf Zwecke und Ziele lässt sich erst das subjektive Bemühen im Kontext dessen, was geschichtlich objektiv geschieht, beurteilen. Und das heißt, dass noch so hohe, subjektiv gesetzte Zwecke und Ziele die Mittel, mit denen die Subjekte sie verfolgen, nicht rechtfertigen können. Objektiv bestimmt nur der Gebrauch von Mitteln die Rechtfertigung von Zielen und Zwecken. Denn erst auf einer absoluten Ebene, und das heißt durch die Gestaltwerdung von Geschichte und jenseits aller noch so ehrlich gemeinten Rechtfertigungsversuche der Handelnden wird festgestellt, welches die zeitgemäß sinnvollste Relation von Zwecken und Mitteln gewesen wäre. Derartige, scheinbar völlig abstrakte Überlegungen hatten zum einen den Vorteil, von dummen, d.h. bösartigen Zensoren nicht bemerkt und bewertet werden zu können; zum anderen eröffneten sie den Zeitgenossen Verständnis für das notwendige Scheitern der Französischen Revolution und forderten dazu heraus zu bedenken, was für die zukünftige Verfolgung von hohen Zielen vorauszusetzen sei.

Vor allem aber machte Hegel klar, dass alle derartigen theologischen, philosophischen oder naturwissenschaftliche Überlegungen von Menschen angestellt werden, um durch dieses Nachdenken ihr Überleben freier bestehen zu können. Die Maxime des adligen Hosenbandordens wurde nun auch für das bürgerliche Leben bedeutsam. „Ich dien’“ meinte, dass man der Verpflichtung auf Denken und Wissen zu dienen habe. Zum ersten Mal war das in Diderots Enzyklopädie seit Mitte des 18. Jahrhunderts demonstriert worden: Alles Wissen dient der Erleichterung, besser der optimalen Entfaltung des menschlichen Lebens. Über die Enzyklopädie-Grundsätze hinaus galt für die Jungen in Jena, dass zu den Grundlagen einer optimalen Entfaltung des Lebens die Anerkennung der Gesetze gehöre, seien es die der Logik, der Grammatik, der Poetik, der Natur oder die der menschlichen Gemeinschaft. Die vernünftige Verpflichtung auf Rechtlichkeit als Redlichkeit beschreibt genau das, was mit dem Dienst am Nächsten theologisch immer schon gemeint gewesen ist und nunmehr modern durch Dienst an Verfassung und verfasstem Staat erfüllt werden sollte. Wenn das gelinge, sei Freiheit verwirklicht und die Menschen könnten sich endlich einander dankbar zeigen für diese ihre eigene Leistung, die im Übrigen ohne Weiteres als zweite Schöpfung unmittelbar an die erste, von Gott, dem Absoluten oder von der Natur bewerkstelligte anknüpfen könne. Wie produktiv diese damaligen Überlegungen selbst in Dichtungen wurden, hat Heidegger in langjähriger Beschäftigung mit Hölderlinschen Analogien zu den Formulierungen der Jenaer Philosophen herausgearbeitet: Denken heißt Danken und die Begründung des Danks entfaltet das Denken.

Dies ist nur ein kleiner Versuch meines Dankes an Hegel. Statt in großem Format den Gedanken Gottes bei der Schöpfung nachzuspüren, ist es uns bestenfalls gegeben, den Gedanken Hegels bei der Formulierung des Diktums, Denken sei auch Gottesdienst, nachzusinnen. Wer dabei unbefriedigt bleibt, möge beten. Denn im Sinne Hegels ist Beten die Form der Selbstvergewisserung im Glauben wie im Denken; Selbstvergewisserung dessen, der dichterisch spricht, um zu hören, was er denkt, und sich der Gedanken zu vergewissern. 1806 bot Heinrich von Kleist den jungen Denkern die entscheidende Voraussetzung der Klärung des Verhältnisses von Glauben und Wissen, nämlich die Frage nach dem Verhältnis von Sprechen und Denken. Damit war die philosophische Dimension des Dichtens bestimmbar: Die allmähliche Verfertigung von Gedanken im aktuellen Vollzug des Sprechens (heute Performance genannt). Performing Hegel zum 250. Geburtstag heißt, ihm (wie Heidegger) als Begriffsdichter von Hölderlinschem Format zuzuhören und dabei das Denken von Gedanken herauszufordern.