Denkerei-Abschied, Teil 1: Vom Intellektuellen zum Propheten – das Ende der Harmlosigkeit

Mit Bazon Brock, Christian Matthiessen, Martin Horn und Gästen

Abschiedskunde/Addiologie | Gemeinsam weinen in der Denkerei. 25.09.2013; 10.12.2013, Berlin. Gestaltung: QART, Hamburg
Christian Matthiessen: OTMA & LUNL MILLER. ein theorieroman in the style of the jackson pollock bar | Berlin: Kadmos, 2018.
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Abschiedskunde V

Programm

„Von Paulus in Rom bis zu Christoph Schlingensief in Afrika“
Martin Horn liest aus Christian Matthiessens Theorieroman OTMA & LUNL. MILLER

„Transzendentaler Brückenbau. Wissenschaft ist methodisches Voodoo“
Vortrag von Bazon Brock

Im Anschluss zeigen wir den Film L'OCCHIO DI DIO (R: Christian Matthiessen, D 2014)

Klänge zum Ende: Abschiedsmusik, Triumphmusik, Schmerzensrausch, heroisches Stöhnen & Liebesgurgeln

Zum Buch:

Christian Matthiessen: OTMA & LUNL. MILLER. ein theorieroman in the style of the jackson pollock bar. Berlin: Kadmos, 2018. 160 S.

Pismo Beach lag nun schon einige Stunden hinter uns. Wir waren lange schweigend gefahren, erst den Highway 101 nach Norden, und dann auf der 1 die Küste entlang. Der Sound der E-Gitarren in den Rock 'n' Roll Bars dröhnte uns noch in den Ohren. Die Sonne stand tief über dem Pazifischen Ozean und warf warmes Licht auf die sanften hügeligen Landschaften. Wir hatten noch einmal angehalten, um in einem Liquor Store einige Flaschen Wein zu kaufen. Die Straße schlängelte sich die steiler werdende Küste entlang, ein wenig wie italienische Riviera hatte ich gedacht. Wir fuhren langsam, und erst allmählich hatten wir begonnen zu sprechen. Miller war dann in Fahrt gekommen und rauchte und redete gleichförmig auf mich ein wie beim Diktat oder einer Beschwörung und Millers Stimme legte sich, während wir fuhren, über den Sound, den der Sechszylinder unseres Buick erzeugte. „Ich möchte es mal so sagen: Im Juni 2009 strandete ein berühmter Engländer an der deutschen Steilküste. Es zerschellte dabei die fast zwanzig Jahre tragende Konstruktion. Ich spreche von Liam Gillick“. Miller machte eine Pause und nahm einen tiefen Zug aus der Zigarette. Er lachte. Dann fuhr er fort: „Der deutsche Pavillon in Venedig ! Es ging dort unter Anteilnahme einer großen Zuschauerschaft um Kulturgeschichte und deren Rattenschwänze, und es wurde viel Staub aufgewirbelt im Pavillon, der längst eine Grablege geworden ist.“ Ja, eine Grablege, hatte ich gedacht. Und ich sagte: „Jetzt haben die Witwe und der Dramaturg eine Grablege für Schlingensief daraus gemacht. Und sie haben für dieses sentimentale Bühnenbild sogar noch den „Goldenen Löwen“ für den besten Pavillon bekommen“. Miller sagte nichts dazu. Wir schwiegen eine ganze Weile. Miller hatte seine Zigarette aus dem Fenster geschnippt. Der Fahrtwind blies kalt ins Innere des Wagens. Der Abend färbte die Wolken ein, die einen langen Tag über hoch und weiß am Himmel gestanden hatten, rosa und dann rot, und außer dem gleichförmigen Wummern des Motors hörte man nichts.

www.kulturverlag-kadmos.de/buch/otma-lunl.html

Zum Film:

L'OCCHIO DI DIO (R: Christian Matthiessen, D 2014)

Im Hotel Athena in Agrigento auf Sizilien findet eine Konferenz zum Gottesbegriff statt. Als Zeuge geladen ist der Stellvertreter Gottes auf Erden, Papst Benedikt XVI. Als er den Namen seines Gottes nicht sagen kann, gestattet ihm Hoteldirektor Bazon Brock, bei seinem Lehrer Heidegger auf dem Schiff der toten Denker im nahen Hafen um Rat zu fragen. Heidegger verabschiedet sich in mehreren Botschaften vom (katholischen) Theismus und lässt den Papst schließlich mit dem rätselhaften Begriff des "Seyns" allein. Der Papst zerfällt. Das Konferenzgeschehen wird immer wieder unterbrochen von Auftritten Niklas Luhmanns, der als theoretisches Gespenst in den Tempelanlagen seinen Gott als Beobachter, als personifizierte Transzendenz reflektiert. Das Personal des Hotels führt während dessen mit Filmzitaten von Luis Buñuel einen eigenen surrealen religionstheoretischen Diskurs. Berichterstatter Brock schlägt, zur Bestätigung seines Begriffs der "Theopoesie", schließlich eine Einvernahme des Künstlers Jonathan Meese in dessen Atelier in Berlin vor. Denn es seien doch die Dichter und Künstler gewesen, die die ganze Welt der Götter geschaffen hätten!
Der Weg des Gespenstes Niklas Luhmann endet im ZKM in Karlsruhe, wo die reale Gotteskonferenz »Die Beobachtung Gottes« im Mai 2014 stattfand.

A Jackson Pollock Bar Motion Pictures Production

Darsteller
Bazon Brock • Martin Horn • Andreas Windhuis • Jonathan Meese • Beat Wyss

Weitere Darsteller
Peter Weibel

Drehbuch
Christian Matthiessen

Produzent
Institut für soziale Gegenwartsfragen Freiburg