Der Künstler als Spürhund der Wahrheit. Oder: die Kunst als geistiges Lebensmittel

Johannes Kaup im Gespräch mit dem Künstler und Philosophen Bazon Brock

Funkhaus Wien
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

„Im Zeit-Raum. Vorreiten und Nachdenken“ – Eine RadioKulturhaus-Gesprächsreihe von und mit Johannes Kaup.

In unserem Leben erkennen wir Wahrheit meist nur durch Schleier, Verhüllung und Schatten, wie Platon, einer der Urväter des abendländischen Denkens, im Höhlengleichnis gezeigt hat. Wir sehen zunächst die Schatten, die vom Licht an die Wand geworfen werden. Wenn wir uns nicht umdrehen, werden wir die Sache selbst nie erkennen. Aber in das reine Licht zu schauen, können wir auch nicht, weil uns das blenden würde. Wir existieren also in der Dialektik zwischen Sein und Schein, zwischen Licht und Verbergung.

Der griechische Begriff der Wahrheit heißt „aletheia“, was mit Unverborgenheit übersetzt werden kann. Wörtlich bedeutet es, etwas aus der Lethe, dem Strom des Vergessens, zu bergen und zu retten. „Wahrheit ist das der Verborgenheit Abgerungene“ (Martin Heidegger). Der Prozess der Wahrheitsfindung zielt darauf ab, einer verborgenen Sache auf den Grund zu gehen, indem sie vom Geröll und Schlamm des reißenden Lebensstroms freigelegt wird, sie aus dem Dunkel ans Licht gebracht wird, wie auf eine Lichtung im finsteren Wald. So gesehen ist Wahrheit niemals statisches Besitztum, sondern ein Geschehen der Enthüllung, ein Ereignis der Befreiung.
Kunst erinnert, enthüllt und befreit. Kunst ist ein geistiges Lebensmittel, das uns hilft, das Wesentliche zu erkennen. Jenseits der Philosophie und der Psychotherapie, sind Künstler die Spürhunde der Wahrheit. Mittels Kunst ermöglichen sie uns tiefere Einsichten in die Gründe und Abgründe unseres Daseins. Sie speichern das Gewesene als das stets Vergegenwärtigbare und antizipieren eine noch verborgene Zukunft. Sie enthüllen symbolisch die Erfahrungsebenen des Wirklichen, des Möglichen und des Notwendigen unseres Menschseins und unserer Zeit.

Bazon Brock, geboren 1936 in Stolp in Pommern, ist emeritierter Professor für Ästhetik und Kulturvermittlung an der Bergischen Universität Wuppertal. Der Kunsttheoretiker Brock ist aber auch selbst Künstler, wenngleich ein „Künstler ohne Werk“. Er, der der Fluxus-Bewegung zugerechnet wird, gilt selbst als ein Gesamtkunstwerk. Peter Sloterdijk nennt Brock einen "Performance-Philosophen der Massentherapie". Das versteht man erst, wenn man diesen universal gebildeten und wortgewaltigen Kulturvermittler reden hört. Er erfand das „action teaching“ und bezeichnet sich selbst als „Verbokrat“, „Beweger“ und „Denker im Dienst“ mit mittlerweile über 3000 öffentlichen Auftritten. In seiner Anfangszeit veranstaltete er mit Joseph Beuys Happenings, hielt auf dem Kopf stehend Vorträge und warf seine Schuhe in den Ätna. Auf der Kasseler documenta 4 1968 richtete Brock erstmals eine Besucherschule ein, um dem Publikum das Verständnis für Kunstbetrachtung nahezubringen. Ein Konzept, das sich aufgrund seines Erfolgs rasch verbreitete.
Nach Stationen in Hamburg und Berlin lehrte Brock drei Jahre lang an der Hochschule für Angewandte Kunst in Wien. 1981 übernahm Brock die Professur für Ästhetik und Kulturvermittlung an der Universität Wuppertal, bis er 2001 emeritiert wurde.
Brock gründete auch das Institut für Rumorologie/Gerüchteverbreitung, das Labor für Universalpoesie und Prognostik, das Pathosinstitut „Anderer Zustand“ und die Prophetenschule. Heute leitet Brock die Denkerei in Berlin-Kreuzberg, ein „Amt für Arbeit an unlösbaren Problemen“. Für Brock ist die Denkerei ein Raum zum Querdenken, an dem „wir uns bemühen, der öffentlich verbreiteten Ideologie entgegenzusteuern“.

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