Buch Die Natur des Christentums

Mit einem Vorwort von Bazon Brock

Heiner Mühlmann: Die Natur des Christentums, Bild: Paderborn: Fink, 2017.
Heiner Mühlmann: Die Natur des Christentums, Bild: Paderborn: Fink, 2017.

Erschienen in der Reihe:
TRACE (Transmission in Rhetorics, Arts and Cultural Revolution)
Band: 3

»Evolutionstheoretische Theologie« – so lautet der zentrale Begriff und gleichzeitig das Leitmotiv des neuen Buches von Heiner Mühlmann. Religionsgeschichte wird hier als
Evolutionsprozess gedacht, der drei zentralen Steuerungskräften unterliegt: Variation – Selektion – Reproduktion.

Variationen von Religionen und mit ihnen Variationen von Göttern evolvieren. Weil aber Variationen immer unter Selektionsdruck stehen, müssen die Götter untereinander konkurrieren. So wird aus einer evolutionstheoretischen Theologie eine polytheistische Theologie. Was evolviert, hat ein materielles Substrat. Da die materiellen Substrate der Götter die biologischen Gedächtnissysteme der Menschen sind, müssen folglich die Götter gedächtnistauglich sein, um in der Evolution zu überleben; Gedächtnistauglichkeit ist die Anpassungsfähigkeit der Götter. Die Evolutionstheorie der Götter ist somit in Wirklichkeit eine neurowissenschaftliche Studie zum Thema »kulturelle Gedächtnisforschung«. Ziel ist weniger eine Kritik des Christentums als vielmehr eine Hommage an seine Durchsetzungskraft.

Erschienen
2017

Autor
Mühlmann, Heiner

Verlag
Fink (Wilhelm)

Erscheinungsort
Paderborn, Deutschland

ISBN
978-3-7705-6132-2

Umfang, Ausstattung, Format
163 Seiten

Einband
Festeinband

Seite 7 im Original

Bazon Brock: Wahrheit durch Dichtung – Sterben Götter?

Herodot schreibt, dass Hesiod und Homer den Griechen ihre Götter gestiftet haben. Wie das? Ist die Poesie die Mutter der Wahrheit? Wird Wahrheit nur durch Dichtung erfaßbar? Das griechische Verb für die Stiftung des Glaubens an die Götter durch die hesiodsche/homerische Dichtung läßt sich als Äquivalent zu unserem Begriff „durch Wahrnehmen von Anzeichen ins Bewußtsein rufen“ verstehen oder, anders formuliert, Hesiod fixierte die Anzeichen für das Dasein der Götter, indem er sie in ihren Eigenschaften und Zuständigkeiten unterscheidet. Für die Griechen waren die Götter nicht die Schöpfer der Welt, sondern selber Bestandteil der Evolution, die sich aus den Aktionsformen der Naturkräfte erklärt. Die Evolutionskräfte kennen kein Ziel, keine inhärente Bestimmung nach dem Muster „Es werde“. Hesiod formiert nun diejenigen Kräfte zu Göttern, die das ewige Spiel von Entstehen und Vergehen ohne Ziel durchbrechen und damit die Dimension der Identität und Unsterblichkeit, als Fixierung und Arretierung, in die Evolution einführen. Diese Kontrafaktizität begründet das „Wunder“ innerhalb der Sachzwanglogiken der Naturevolution, das später das „Springen der Natur“ (natura saltat) genannt wird oder das Wirken des Prinzips der Abweichungen in Mutationen.

Zeus verweigert sich der Evolutionslogik, dass die Söhne ihre Väter liquidieren und sich dann selber als Hierarchen bewähren, bis sie ihrerseits von den eigenen Söhnen umgebracht werden. Er setzt auf die extragenetische Vererbung und gebiert seine Tochter Pallas Athene aus dem Geiste. Hephaistos der Schmied befreit sie aus dem von ihm geöffneten Haupte des Gottes und zwar, jeder Evolution spottend, als ausgewachsene Gestalt in voller Rüstung. Das leuchtet als Bestimmung der extragenetischen Vererbung bis heute ein: Artefakte werden nicht zuerst als Babies in die Welt gesetzt, sondern kommen in die Welt als ausgefertigte Werke, die dann, wie Pallas Athene, in unterschiedlichen Konstellationen ihre Wirksamkeit entfalten.

Mit dieser für das europäische Selbstverständnis grundlegenden griechisch-römischen Göttererkenntnis ist gleich eine der fruchtbarsten, weil weitesttragenden Gewißheiten europäischer Kulturen vorgegeben, nämlich die Einsicht, dass das Erscheinen der Götter Resultat von Naturprozessen ist. Das wurde unüberbietbar klar gefaßt in der Maxime Spinozas „Deus sive natura“ oder generell im Konzept des Deismus. Neben der evolutionsgesetzlichen Genese der Götter interessierte vor allem deren Wirksamkeit, die ein Parallelsystem zur Naturevolution etabliert, nämlich das der Kulturen. Dabei ist die entscheidende Frage, ob und wie Menschen mit der Wirksamkeit der Götter zu rechnen lernen. Genesis und Geltung der Götter gehorchen Regeln, die auch ihre Wirksamkeit bestimmen. Weil diese Wirksamkeit durch Anerkennung der Menschen Kulturen entstehen läßt, heißt das, Kulturen unterliegen denselben Entwicklungsformen, Gesetzen und Regeln auf der Ebene der geistigen Prozesse wie die natürlichen. Ewigkeit, Dauer sind kontrafaktische Bestimmungsgrößen. Das aber bedeutet, dass die Kontrafaktizität der Kulturen der Faktizität der Natur entspricht. Wir bestätigen das mit dem Ausdruck „Natur der Kulturen“. Den Kulturen gelingt es, durch Aktivierung des göttlichen Prinzips der Beständigkeit und Identität ihre Evolution auf ein Ziel auszurichten, indem die Menschen sich zum Beispiel der Prozesse des Werdens und Vergehens bewußt werden und mit Hilfe der daraus gewonnenen Erkenntnisse in die Natur der Kulturen intervenieren.

Zahlreich sind die höchst auffälligen Versuche der griechisch-römischen Götter, Verbindung zu den Menschen aufzunehmen und zwar nicht nur durch Eingreifen in deren Belange, sondern auch durch genetische Vererbung. Das daraus entwickelte Geschlecht der Halbgötter haben zumal die Römer im Wesentlichen als eine Chance zur Vergöttlichung der Menschen gesehen. Die neue Formation von Gläubigen als Christen hingegen betonte ganz entschieden die Menschwerdung Gottes, darauf komme es an. Der Mensch gewordene Gott biete Evidenz für die Ausprägung des Kulturbewußtseins. An die Stelle der archaischen Unterwerfung unter die dem Moses offenbarten Gesetze trete die individuelle Freiheit der Anerkennung der das Handeln bestimmenden Kontrafaktizität.

Dieses Konzept der Normativität des Kontrafaktischen prägte den Charakter der christlichen Kulturen, indem es jedem einzelnen Menschen das Privileg zugesteht, Inkorporation Gottes zu sein. Im Abendmahl wird diese Vergewisserung erneuert. Dadurch wird das christliche Individuum autorisiert, selbständig zu handeln. Dafür steht der mittelalterliche Begriff der Selbwalla, also der Eigenverantwortung der Menschen für ihre Lebenswege.

Die spannende Frage an diesen Kanon der Gewißheiten der Gläubigen lautet, wie das Verschwinden der Götter, das Sterben der Kulturen der Gläubigen, mit dem Erscheinen und Wirken der Götter vereinbar ist. Könnte das heißen, dass die von den Dichtern gestifteten Götter ähnlich wie die Dichtungen sterben? Allenthalben macht jedermann die Erfahrung, dass selbst kulturelle Normativität des Kontrafaktischen nicht gegen das Vergessen feit, obwohl im Konzept der Kontrafaktizität ja gerade Ewigkeit behauptet wird. Sterben Götter wie Bücher und ist die Theologie eine Philologie der nicht mehr praktizierten Glaubensformen? Sterben die Kulturen und ihre Götter durch die Niederlagen, die ihnen überlegene Kontrahenten zufügen? Sterben also Götter an der nicht durchhaltbaren Behauptung des Kontrafakts der Dauer als Ewigkeit?

Ein Muster für die mögliche Antwort auf die Frage nach der Sterblichkeit der Götter lieferten Hobbes und Hegel, und nun Mühlmann mit seinem Jahrhundertwerk „Die Natur des Christentums“.

Für Hegel ist etwa die größtmögliche Vermittlung der Evolutionen von Natur und Kultur im Artefakt des Staates beschreibbar: „Der Staat als der sterbliche Gott“. In der Fortsetzung dieses Gedankens ergibt sich, dass die Erzählung der Historiker die Bedeutung der gestorbenen Götter, der Staaten, darin beweist, dass gegenwärtige Menschen die Vergangenheit als das bestimmen, was nicht vergeht. Das heißt, nur das Vergangene ist ewig und damit immer gegenwärtig für die Lebenden, die eben diese Erzählung zustande bringen. Theologien bieten die systematische Darstellung der gestorbenen Götter als Vergangenheit, die nicht vergeht. Das Geschichtlichwerden ist also die Form der Verewigung.

Diese Regel, und damit das Leben in Gottesgewißheit, kann gestört werden durch Dogmatik, nämlich den Ausschluß aller konkurrierenden Geschichten von der Verewigung durch Entschwinden aus der menschlichen Aufmerksamkeit. Der damit verbundene Verlust der Autonomie von Individuen und damit der Macht der Selbstverantwortlichkeit wird dann unvermeidlich.

Die Erzählung von den sterblichen Göttern, den großen, den mächtigen, den reichen, stiftet gerade die Ewigkeit der Erinnerung an sie und damit die Durchsetzung eben jener kultur- und naturmorphologischen Gesetzmäßigkeiten. Die Geschichte vom Werden, Entfalten und Vergehen, also der natürlichen und kultürlichen Evolutionen betont ja einerseits die ewige Wiederholung, das ist Durchsetzung des gleichen morphologischen Gesetzes in der Praxis. Der Wechsel generiert in seiner prinzipiellen Endlosigkeit die Garantie für die Beendigungslosigkeit, in der auch die Frage nach der Beginnlosigkeit aufgehoben ist. In einer modernen Version heißt das, die Götter, die Kulturen der Macht des Kontrafaktischen sterben niemals, sondern entschwinden der Aufmerksamkeit („fade away“). Mit dem Begriff des Entschwindens wird ja gerade das Bleibende fixiert, das immer gegeben ist, aber sich der Wahrnehmung entzieht. Selbst der rebellische Atheismus ist ja an das gebunden, was er zu leugnen versucht. Die Gottesfeinde bleiben in dem Maße auf Gott bezogen, wie sie ihn durch nihilistisches Pathos aus dem Gedächtnis zu löschen versuchen. Damnatio memoriae sichert in stärkstem Maße das Nicht-Vergessen. Noch Goethes „Prometheus“, der „Menschen nach seinen Bilde formt“, setzt den Menschen in Bezug zu sich selbst als dem Bilde Gottes. Alle Schmähung, ja Verhöhnung, Herabwürdigung und Demütigung beweist nur die Ohnmacht des Rebellen. Und recht verstanden, zielt das Freiheitspathos der Anarchisten gegen den octroi von Gottesbildern, eröffnet aber gerade darin den Glauben bar jeder Vernunft. Als Absurdum, als Kontrafakte sind die Götter unwiderlegbar, unwiderrufbar, unleugbar. Das begründet Wissen.

Scio ut credo – ich weiß, dass das Wissen um das Kontrafaktische über das Wissen hinausführt.

Scio – ich weiß, was die Macht des Glaubens ist. Also ist der Glaube die entschiedenste Form des Wissens vom Jenseits des Wissens. Der Glaube ist stärker als alle Vernunft, weil er durch und durch vernünftig ist. Zu glauben ist eine Denknotwendigkeit. Das Gotteskonzept ist eine Konsequenz der Vernunft, wie das Irrationale eine Konsequenz des Rationalen ist. Wer auf Rationalität besteht, muß die Irrationalität mitdenken. Das bestimmt die Komplementarität des Unterschiedenen. Das von Europäern so pathetisch wie triumphal in Anspruch genommene Konzept der Aufklärung schließt gerade nicht das Irrationale, Kontrafaktische und Absurde aus, sondern eröffnet die rationale Hinwendung auf das Irrationale, die Anerkennung der Faktizität des Kontrafaktischen und die vernünftige Indienstnahme des Absurden. Dann aber ist das Entschwinden der Macht von Göttern und Kulturen gerade nicht eine Auslöschung, sondern die Stärkung ihrer Wirksamkeit als Gewesene.

Zweitausend Jahre lang herrschte die griechisch-römische Götterfamilie; dreitausend Jahre waren die ägyptischen Götter die mächtigsten Adressaten der großartigsten Entfaltung von Weltwissen; babylonische, hethitische, persische Götter als ebenfalls vieltausendjährige Garanten des Gelingens noch so unwahrscheinlicher Projekte der Menschen; die Götter Amerikas in vorkolumbianischen Zeiten – sie alle bestätigen uns gerade als Entschwundene ihre Unauslöschbarkeit in unserem Weltbezug. Je kontrafaktischer dieser begründet wird, desto präsenter sind die Götter. Auch die Kenntnis der Naturevolution in terrestrischen wie kosmischen Dimensionen beglaubigt die Gewißheit, dass alles, was entsteht, so wertvoll ist, weil es vergeht und als dieses Vergangene ewig bleibt.

Dichter, Historiker, Biologen und unter ihnen besonders die Anthropologen, wie Mühlmann, sind als Kenner der nicht vergehenden Vergangenheit die wahren Priester unserer Gotteshoffnungen. Sie schließen den Kreis zur frühesten Erinnerung, dass die Welt allenthalben voller Götter ist. Heute heißt das: Überall konfigurieren elektromagnetische Wellen zur Erscheinung der Götter, so bald wir die angemessenen Repräsentationen erkennen, und als solche bewähren sich die Menschen selbst: Heute in der Gewißheit, dass alle Weltbestandteile Konfigurationen jener Elemente sind, die vor 13,7 Milliarden Jahren in den ersten Sekunden nach dem Urknall entstanden. Welche größere Gewißheit der Unsterblichkeit kann es geben?