Denkerei: Ulrike Eichler: „Auf das Opfer darf niemand sich berufen“

Der Mythos vom Opfer – eine der folgenreichsten Ideen des Christentums

Caravaggio, „Die Opferung Isaaks“, 1594-1596 | Uffizien, Florenz
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Vortrag in der Reihe „Die Wirkung des Sakralen im Säkularen“

Der Begriff vom Opfer oder Selbstopfer Christi gehört zum klassischem Repertoire der Christologie. Virulent geworden ist er als Antwort auf die Frage nach einem möglichen Sinn des zunächst schlicht als katastrophal erlebten Todes des Messias, des Todes Jesu. Im Laufe der Geschichte christlicher Theologie ist der Begriff des Opfers zum Zentrum eines vollständigen Theorems geworden, das das Opfer nicht nur als sinnvoll sondern geradezu als notwendig versteht, notwendig für nichts geringeres als die Rettung von Menschheit und Welt.

Diese Konstruktion des Opfers wirkt bis tief in die Gegenwart hinein, ja, sie hat vielleicht gerade heute höchste Aktualität. Wer den Status des Opfers für sich in Anspruch nehmen kann, hat den Krieg fast schon gewonnen.

Die evangelische Theologin Ulrike Eichler will die christliche Geschichte des Opfer-Begriffs ebenso erhellen wie seinen aktuellen Gebrauch. Dabei geht es ihr schließlich um eine Kritik der Opferlogik, wie sie in der Formulierung Ingeborg Bachmanns zum Ausdruck kommt: Auf das Opfer darf keiner sich berufen.

Die Berufung auf das Opfer ist in unserer Kultur ein extrem hoher moralischer Wert. Ihn weist die österreichische Dichterin, die lebenslange Freundin Paul Celans, die Mitglied der Gruppe 47 war und deren gesamtes Werk unter dem Eindruck der überwältigenden Gewalt des Nationalsozialismus und der Shoah steht, zurück: Die bereits zum Opfer gewordenen würden erneut für Zwecke gebraucht, die jenseits ihres eigenen Wollens liegen. Sie würden ein zweites Mal zu Opfern.

Denn, so Bachmanns Gedanke, die Berufung auf die Opfer gibt ihnen nachträglich einen Sinn, eine Bedeutung, ja eine Notwendigkeit, die es schließlich rechtfertigt, dass ein Mensch zum Opfer geworden ist. Demgegenüber wäre aber mit Ingeborg Bachmann nichts anderes zu sagen, als das eine: – dass es keine Opfer geben darf.

Was bedeutet das für die Christologie, zu deren klassischem Repertoire die Rede vom Opfer und vom Selbstopfer des Christus gehört, die in der Frage nach dem Sinn des Todes Jesu virulent geworden ist?
Was bedeutet es, wenn die christologischen Formulierungen so weit gehen, dass sie schließlich die Notwendigkeit des gewaltsamen Todes Jesu begründen?

Mehr zur Reihe unter: www.denkerei-berlin.de/kalender/?id=1265

Zur Person:

Ulrike Eichler, studierte Theologie in Berlin und Heidelberg. Bis Ende 2017 war sie Pfarrerin der ev.-luth. Gemeinde in Triest, davor wissenschaftliche Assistentin im Fach Systematische Theologie mit dem besonderen Schwerpunkt Feministische Theologie an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum. 2007 war sie Fellow in residence am Kolleg Friedrich Nietzsche in Weimar. Ihre theologischen Schwerpunkte gelten dem Verständnis der Schrift, der mittelalterlichen Mystik der Frauen und dem Denken der Differenz. Sie lebt in Berlin und Triest.

Zur Reihe:

„Die Einheit von Glauben und Wissen“ und „Die Wirkung des Sakralen im Säkularen“ sind die beiden Hauptthemen der Denkerei für das Jahr 2018 – mit Vorträgen von Ulrike Eichler zum Opferbegriff (20.03.18), Richard Faber zur Theokratie (21.03.18), Sigrid Weigel zur politischen Theologie (19.06.18), Inigo Bocken & Bazon Brock zur Trinität (20.06.18), Georg Bertram & Inigo Bocken zu Hegels Text „Glauben und Wissen“ (voraussichtlich September 2018) u.a.