Denkerei: Martin Warnke: Lässt sich das deutsche Wesen bauen?

Nationalstaat und kulturelle Identität

Haus Sommerfeld | Architekten:  Walter Gropius und Adolf Meyer, Berlin, 1920/21
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Die Diskussion darüber, ob sich „ein deutsches Wesen“ bauen lässt, hat seit dem 18. Jhd. die Gemüter bewegt. Zuvor hatte sich Dürer nach Entdeckung von Tacitus' „Germania“ schon mit dieser Frage beschäftigt. Sie wurde ab 1806 wieder virulent durch den Widerstand, der sich gegen den Universalismus als Suprematie Frankreichs bildete, die von Napoleon proklamiert wurde. Anwendungsbeispiele: Im 19. Jhd. ging man bewusst sich selbst überhöhend zunächst davon aus, dass der gotische Stil ein deutscher sei. Analog stellt sich heute die Frage, ob man das Bauhaus als einen deutschen Stil begreifen kann, der aber als solcher nicht zum Zuge gekommen ist.

28.03.2018, 10 Uhr: Exkursion

Treffpunkt: Haus des Runkfunks, Masurenallee 8–14, 14057 Berlin (in der Eingangshalle)

Am Mittwoch, den 28.03.2018, bieten Martin Warnke und Bazon Brock allen Interessierten an, eine Exkursion zu unternehmen. Die erste Station ist der Messeplatz, an dem die klassizistische Ehrenhalle 1936 auf der Achse zu Poelzigs expressionistischem Funkhaus von 1935 steht. Die gleiche Stilopposition können wir nahebei am Kaiserdamm betrachten: Dort steht Scharouns erster avantgardistischer Wohnbau in Berlin 1928. In dessen unmittelbarer Nähe befindet sich eine NS-Wohngruppe von 1936 mit monumentalen Thorakfiguren am Eingang.

Daran schließt sich ein Besuch der farbenfrohen Siedlung „Onkel Toms Hütte“ von Bruno Taut (1929) sowie der nahegelegenen Kameradschaftssiedlung der SS an – eine stilistische Aporie, der man überall in Berlin, z.B. auf dem Reichssportfeld, begegnet.

Martin Warnke, geb. 1937 in Brasilien, studierte in München, Madrid und Berlin Kunstgeschichte, Geschichte und Germanistik und bekleidete Professuren in diesem Fach in Marburg und Hamburg. Er beschäftigte sich mit Peter Paul Rubens, mit der deutschen Kunst seit dem 15. Jahrhundert sowie mit kunstsoziologischen Themen wie der Organisation der Hofkunst und dem Status des Hofkünstlers seit der Frührenaissance. Zu seinen Publikationen gehört eine Geschichte der Deutschen Kunst vom 15. bis 18. Jahrhundert (Geschichte der deutschen Kunst, Bd. 2: Spätmittelalter und Frühe Neuzeit, 1400–1750, München 1999).